Aufsatz 
Die Trachinierinnen des Sophokles
Entstehung
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22.

unverkennbar einen leichteren Fluss der Rede und lesen sich mit geringerer Anstrengung. ¹) Alles dies zusammengeſasst, so erscheint die Folgerung nicht zu kühn, dass diese Tragödieen so ziemlich Einer Zeit angehören und nicht so weit auseinanderliegen, als man gewöhnlich annimmt. Wir gehen noch einen Schritt weiter. Vergleicht man diese drei Dramen selbst untereinander, so bemerkt man, dass diese Verfeinerung und künstliche Zuspitzung der Rede am häufigsten und schärfsten in den Trachinierinnen hervortritt und hier öfters sogar bis zur fehlerbaften Unklarheit forigeht; ²) gleich der Prolog bietet dafür mehrere recht auffallende Beispiele, v. 14, 29 50, 5155.(v. 497; 633. u. 59. 318. u. s. W. v. Herm.) und dies ist ein Grund mit, Warum Axt ³) denselben für unächt erklärt und die IIandlung erst mit den Worten der Dienerin v. 49. beginnen lässt. Weit entfernt, diese und ähnliche Misstöne für schön zu er- klären und den Dichter in Schutz zu nehmen, muss ich doch auf das Entschie- denste gegen die Meinung derer protestiren, welche hieraus auf eine Stümper- hand schliessen wollen; auch aus diesen fchlgegriffenen Tönen blitzt der Strahl eines gewaltigen, nur noch in der Entwickelung begriffenen Genius hervor, der jedoch bisweilen, hingerissen von der Fülle der die Brust stürmisch bewegen- den und nach Ausdruck ringenden Melodieen dem einzelnen Tone nicht sein volles Recht widerfahren lässt. 4) Weniger häufig und schon bedeutend ge- mässigter findet sich diese Erscheinung in der Elektra und der Antigone, gar nicht in den übrigen Dramen, und wir gewahren also einen stufenmässigen Fortschritt und eine in stetem Zunehmen begriffene Virtuosität in der Behand- lung der Sprache. Sophokles durchlief, nach seiner eigenen Aeusserung, die uns vom Plutarch) erhalten worden ist, drei Stadien der Entwickelung. An- fangs den Fusstapfen seines Vorgängers, des Aeschylos, folgend, verliess er jedoch dieselben bald wieder und ging seinen eigenen Weg, von dem richtigen Gefühle geleitet, dass für die menschlichen Charactere, deren Darstellung er seine Runst widmete, die grossartige Pracht der äschyleischen Sprache sich nicht mehr eigne, und dieser führte ihn auf das riανενν να Rarειερνον τ*ς dνeo xra- axsofs, Wie er diese Stilform selbst bezeichnet. Wäre Sophokles ein minder schöpferischer Geist gewesen, er würde auf jeden Fall hierbei stehen geblieben und diese Form zur unlebendigen Manier geworden sein, aber einem Sopho- kles, der ein so klares Bewusstsein über sich und seine Runst hatte, konnte es

1) O. Müller, Geschichte der griech. Literatur. II, S. 116. ²) Hermann praef. ad Trach. p. XIII.

3) Commentatio critica in Trachiniarum sophocleae prologum. Cleve, Ilerbstprogramm 1830. 4) Eine ächt sophokleische Schönheit, die ich hier nur andeuten will, findet sich v. 25.,d mir die Schönheit vielen Gram bereite noch.

3) Plutareh de proſcetu virtut. sent. VII. 252, Hutten. Das Citat ist aus O. Müller entlohnt, Vorlesungen II, 115, Anmerkung 1. 3

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