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recht gern zu, dass sie hinter den noch erhaltenen Tragödieen desselben etwas zurücksteht(hierüber werde ich meine Ansicht weiter unten darlegen), aber Jeder wird mir einräumen, dass wir es unter solchen Umständen nicht mit ei- ner Unvollkommenheit, bei der doch das Ganze trefflich sein kann, zu thun ha- ben, sondern mit einem in der ganzen Anlage verfehlten Bau, wodurch noth- wendig auch das Einzelne eine schiefe Stellung bekommen muss und fär des- sen Werkmeister sich zu bekennen Sophokles wohl schwerlich geneigt sein dürfte. Ja, wenn es sich hier um eine Tragödie des Euripides handelte, nicht einen Augenblich würde ich anstehen, einen solchen Cardinalfehler anzuerken- nen, da gerade die Composition und die Entwickelung der Handlung, mit ei- nem Worte die ganze Anlage, eine sehr schwache Seite dieses Dichters ist; ganz anders aber muss sich das Urtheil stellen, wo es sich um das Werk ei- nes der grössten Dichter aller Zeiten handelt, eines Dichters, in dem sich die Tiefe der Phantasie mit der Tiefe des Verstandes zu einem unauſflöslichen Bunde vereinigt hat, und so lange noch ein solcher Vorwurf den Dichter trifft, sollten wir vielmebhr an der Richtigkeit unseres Verständnisses, als an der Rraft seines schöpferischen Geistes zweifeln... 9* Den Ariadnefaden, welcher sicher aus diesem Labyrinthe herausführt, bie- tet dasjenige, was ich oben als Grundgedanken unseres Drama bezeichnet habe. Fasst man die Handlung auf die angegebene Weise, dann verschwindet mit einem Male jeglicher Austoss und der Dichter ist vollkommen gerechtſertigt. Denn indem er die HHeiligkeit der Ehe zur Anschauung bringen wollte, ergab sich für ihn die Nothwendigkeit, zwei IIauptpersonen zu constituiren, ¹) da der ganze geistige Inhalt dieses sittlichen Verhältnisses weder durch die Frau, noch durch den Mann allein erschöpft werden, sondern erst an und durch beide, als die Factoren, welche erst in ihrer Wechselwirkung die wahre To- talität desselben bilden, zur Erscheinung kommen kann. Wie ganz anders stellt sich jetzt das Urtheil über unser Drama!l Was uns früher als matt und überflüssig erscheinen, wo wir nur Mangel an Poesie und eine verfehlte An- lage erkennen mussten, da finden wir jetzt künstlerische Nothwendigkeit und einen von Einer Idee bis in die innersten Fasern durchdrungenen und beseel- ten Rörper. Es leuchtet nun ein, dass die Tragödie mit dem Tode der Deia- neira nicht schliessen durfte und dass die nach demselben noch folgende Ent- wickelung der IHIandlung nicht überflüssig und unmotivirt ist, im Gegentheil sie wurde nothwendig gefordert, wenn die Tragödie nicht unvollendet bleiben
— 1) Auch Solger, Vorrede zur Uebersetzung XXVII. fasst beide, den IIerakles und die Dexa- neira als Iauptpersonen, obgleich aus einem andern Grunde als ich; vergl. die von ihm aus Aristoteles Poetik citirte Stelle. Unerklärlich bleibt mir jedoch, wie bei seiner An-
zicht die Einheit der Handlung nicht leiden soll.
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