Aufsatz 
Die Trachinierinnen des Sophokles
Entstehung
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Dieser Rückblick auf sein vergangenes Leben hebt ihn über die trostlose Gegenwart empor, so dass er auf Augenblicke seine Leiden vergisst und IIyl- los die Gelegenheit erhält, ihm die Unschuld der Deianeira zu enthüllen. (v. 1152.) Diese Mittheilung eröffnet dem Ierakles die Augen und sein Hass gegen seine Gemahlin schwindet, indem er in seinem Geschick die Erfüllung der ihm gewordenen Orakel, nach denen ihm von einem schon Gestorbenen ¹) und zwar gerade jetzt zu sterben verhängt war, erkennt.(v. 1163.) Dem gött- lichen Rathschluss sich willig fügend, wählt er den Tod auf dem Scheiterhau- fen, und nachdem er dem Hyllos noch das Versprechen abgenommen, ihm hülfreiche IIand zu leisten und die Jole zu heirathen, wird er fortgetragen. Damit schliesst die Handlung. 4

Ueber keine Tragödie des Sophokles sind so widersprechende Urtheile ge- fällt worden, sowol was die Composition im Allgemeinen, als was den Grund- gedanken insbesondere betrifft, wie über die Trachinierinnen, und während Ei- nige auch in diesem Drama die Meisterhand des Dichters wiedererkannten, er- schien Andern Vieles tadeluswerth, ja A. W. v. Schlegel, ²) ein Mann des gebildetsten Urtheils, erklärte dasselbe geradezu für des Sophokles unwürdig, und nur die Scheu vor dem übereinstimmenden Zeugniss des Alterthums hielt ihn von dem letzten Schritte zurück, es als ein uncchtes Rind der sophoklei- schen Muse zu bezeichnen. Nicht einmal über die IHauptperson ist man einig, für welche theils Deianeira, theils IHIerakles angesehen wird. Und in der That, hätte der Dichter uns über seine Intentionen so im Unklaren gelassen, wie es den Anschein hat, er würde mit vollem Rechte das über ihn ausgesprochene Verdammungsurtheil verdienen. Die Schuld davon liegt jedoch nicht an dem Dichter, sondern an den Erklärern selbst, von denen Reiner, meiner Ansicht nach, bis zu dem eigentlichen Mittelpunkte des Stückes vorgedrungen ist. Ich fürchte nicht, dass Jemand in diesem Urtheile eine Unbescheidenheit oder An- massung entdecken wird, von der ich mich ganz frei weiss, sondern es ist eben nur eine Verschiedenheit der Ansicht, die sich recht wohl mit dem Gefühle der reinsten IIochachtung verträgt. Es kommt daher vor Allem darauf an, den Grundgedanken aufzufinden, in welchem das Ganze als in seiner Einheit auf- geht, da erst nach dessen Auffindung ein richtiges Verständniss des Einzelnen und ein begründetes Urtheil über Werth oder Unwerth möglich ist.

A. W. von Schlegel ³) spricht sich hierüber nicht bestimmt aus; er be- merkt nur beiläuſig, in den Trachinierinnen(oder dem sterbenden IIerkules) werde der Leichtsinn der Deiancira schön abgebüsst und das herkulische Leiden

1) Aehnlich Shakespeare im Macbeth.

²) Vorlesungen iüber dramatische Kunst und Litteratur. I, 195. 3) Vorlesungen u. s. w. I, 177.