— 8—
freiern und ausgedehntern Entwickelung des Princips der Reformation seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf allen Gebieten des deutschen Lebens eintrat. hat auch unsern Dichter wieder gleichsam in das Leben zurückgerufen, und es ist wohl mehr als ein blosser Zufall, dass der Mann, welcher mit siegreichem Schwerdt die französischen Götzen aus dem Lande jagte und zuerst den Deut- schen die Tiefe und Herrlichkeit der shakespeare'schen Poesie aufschloss, aueh den Sophokles aus der Vergessenheit hervorzog und ihm den gebührenden Platz in dem Reiche der Poesie anwies. 1) Von dieser Zeit an wandten sieh auch die Bestrebungen der Gelehrten in regem Wetteifer dem Studium des Sopholles zu und es erschienen in rascher Folge Ausgaben, Uebersetzungen, Untersuchungen der verschiedensten Art u. s. w. nicht zu gedenken der Ver- suche, denselben auf unsere Bühne zu verpflanzen. Und in der That„nächst Homer verdient keiner der antiken Sänger so sehr als Sophokles in der ge- bildeten deutschen Lesewelt einheimisch zu werden.“
Diese Ueberzeugung und die Verehrung für den Dichter hat auch micb veranlasst, bei der mir gewordenen amtlichen Gelegenheit einen kleinen Bei- trag zur Erklärung desselben zu liefern, und ich habe mir zu diesem Zwecke die Trachinierinnen ausgewählt, deren Composition und Ideengehalt ich in dem Folgenden zu besprechen versuchen will. Zuvor erlaube ich mir, eine kurze Uebersicht des Ganges der IHandlung zu geben.
Das Drama wird cröffnet durch das Auftreten der Deianeira, die sich in lauten Rlagen über ihr kummervolles Leben ergiesst. Von den verhassten Be- werbungen des Acheloos durch Ilerakles befreit und von diesem zur Gemah- lin erkoren, ist gerade dies, was ihr als das höchste Glück erschien, eine Quelle steter Angst und Sorge, da ein höherer Wille ihn fast immer von IIause entfernt hält. Diese Sorge hat jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Die Zeit, nach deren Verlauf er, einer alten Weissagung gemäss, entweder den Tod oder das Ende seiner Mühen finden soll, ist verstrichen und bereits funfzehn Monate ist er abwesend, ohne die geringste Runde von sich gegeben zu haben; und ist schon dies hinreichend, das Gemüth der Deianeira mit Angst und Dangigkeit nu erfüllen, um wie viel mehr muss dieses Gefühl durch jenes Orakel gestei- gert werden, nach dem sie die Rückkehr ihres Gatten kanum noch zu hoffen wagt.(V. 43.) 2) Zwar bringt ihr ältester Sohn, Hyllos, eine ungewisse Nach- richt; allein diese, anstatt ihr Gemüth zu beruhigen, ist vielmehr geeignet, die Besorgniss zu vermebren, da sie den Ierakles im Rampfe mit Eurytos, Beherr- scher von Oechalia zeigt, worauf eben jenes Orakel geht. Deswegen fordert sie ihren Sohn auf, zu dem Vater zu eilen und ihn in dem letzten, so ent-
1) Lessing, Leben des Sophokles, erschienen 1760; dasselbo ist leider unvollendet geblieben. 2) Die Verse sind nach Hermann's Zählung angegeben.


