Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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Griechen die tiefe und warme Empfindung der Reize, welche die unbelebte Natur biete, nur höchst selten sich ausspreche. Am Schlagendsten nun möchte die Schillersche Behauptung und auch wohl die Beckers, obwohl dieser allerdings sich weit vorsichtiger ausdrückt, alsdann sich widerlegen lassen, wenn man die griechische Mythologie, auch die Kunstmythologie, um die Naturempfindungen, die in ihr ruhen, befragen wollte; doch so zu fragen, dass man eine bestimmte und unzweideutige Antwort erhält, ist hier nicht gan⸗ leicht und auf jeden Fall eine Aufgabe, deren Lösung ich mich hier nicht unterziehen kann. Ich er- innere desshalb nur an den Ausdruck tiefer träumischer Sehnsucht in manchen Bildnissen des Bacchus, doch gewiss eines Naturgottes, den schon Winckelmann so schön beschreibt(Werke, herausgegeben von H. Meyer u. J. Schulze, B. 4, S. 89 u. 90), ferner an Sagen, wie die von dem schönen Knaben Hylas, den die Nym- phen beim Wasserholen in die Quelle hinabziehen, und an die Klage auf den Bergen Bithyniens um sein Verschwinden(s. Theocrit. Id. 4), vergl. K. O. Miller, Gesch. der gr. Literatur, Breslau 1841, B. 1, S. 30.), an den beim Anschauen seines Bildes im Wasserspiegel in tiefer Sehnsucht nach seinein Abbilde sich verzehrenden Narkissos, an den schlummernden Pan in der Mittagsschwile, den kein Hirt im Schlafe zu stören wagt, um nicht zu heftigem Zorn ihn zu reizen. In allen diesen Fällen wirft die Personificirung und Vergötterung einzelner Naturerscheinungen und Naturzustände in ihrer geistigen Bedeutung, durch wel- che im Allgemeinen allerdings, wie Schiller bemerkt,(S. 228) die ruhige Nothwendigkeit der Natur, durch welche sie für uns gorade so anziehend ist, aufgehoben wird, nur einen ganz leichten, ohne Mühe zu lüf- tenden Schleier auf die eigenthiimliche Naturempfindung, die der Kiinstler oder die Sage aussprechen will. So waren also Naturgefihle der Art, die, überhaupt wohl auch zu den allgemeinmenschlichen Empfindun- gen zu zählen sind, auch den Griechen in ihren frihesten Zuständen keinesweges ganz fremd. Finden wir dagegen bei den griechischen Diehtern, in denen der Hellenengeist in seiner vollendeten Reife sich darstellt, nur wenig Spuren mehr solcher tieferen, sehnsichtigen Naturempfindungen, der geheimnissvollen, wolliistigen Schauer, die Waldeinsamkeit erweckt, und diesen verwandter Gefühle, so ist fürs Erste wohl allerdings zuzugeben, dass, je klarer der griechische Genius sich seiner besonderen Eigenthiimlichkeit bewusst wurde, je entschiedener er alles Fremdartige von sich abstreifte, um desto mehr auch jene dunkelen und iberschwenglichen Gefiihle sich in den Hiutergrund des Bewustseins mussten zuriickdrängen lassen; aber iibersehen müssen wir doch dabei auch nicht, dass gerade die Gattung der Poesie, in welcher das Gefühl am Freiesten waltet und allein in seiner ganzen Tiefe sich zu enthüllen vermag, die lyrische, namentlich die gegen die Objectivität des Epos den reinsten Gegensatz bildende subjective, die äolische Lyrik, fiir uns fast ganz verlorenzist; welche Schätze tiefer Naturempfindung konnten, ja mussten hier, nameuntlich in den innigen Liedern der Sappho, die besonders die Blumen- und Pflanzen-Natur mit so grosser Liebe auf- fasste(s. Neuesapphonis fragmenta, Berol. 1823 IV. Aεσ⁵ ϑνυνν ακεααεε νσαοισνρꝙQμαάαενιινν, ανννο- -0½έκQννϑε †φι⁵ιν αέμνμσ⁴απιαςαεε XXXV, III, CXXXII. CXXXIII. vgl. K. O. Miiller i. d. a. Schr. Th. 1. S. 322), aufgehäuft sein, die ein miszginstiges Geschick uns entzogen hat. So mochten denn auch jene älteren bukolischen Dichtungen eines Stesichoros, vielleicht auch die Sophronischen Mimen, an Tiefe der Naturempfindung Theokrits und seiner Zeitgenossen Dichtungen der Art gewiss um vieles übertreffen; denn in diesen offenbart sich ausser der Traulichkeit des Verkehrs der Hirten mit ihren Heerden eben kein besonders lebendiges und inniges Naturgefühl; nur für den mildbeschwichtigenden Eindruck einer nur durch das leise Säuseln der Liffte in den Zweigen der Fichte, das Murmeln des Baches, das Gesumme der Bie- nen, das eintönige Zirpen des Heimchens, sanfthelebten Stille zeigen diese Sänger eine lebhaftere Empfäng- lichkeit(s. Theocrit. Id. 1., 1 5, 32 u. 45, u. Moschus Id. 5, ε ⁴ι ι‿ςιηαιαεαια νπάι dοσι dev bAa Erdaᷣ zul esον 0dg dreεαα atrvg Adel etc. u. dτdο ενμκι Ʒμzdς darog dd n]εdυνκι H ννQ, α αάd q⁴ειιι ον εꝓννένσακ Mor dxotεν 1mοαειι νιοεαομσα τ⁶ dοιν, 02 axgioοt,. Und eben so wenig können wir auch nach unsern Anakreontischen Liederchen, in denen nur etwa die Rose als Blume der Liebe gefasst von einer innigern Naturempfindung zeugt(S.& u.d⁴), die Stärke und Innigkeit des Naturgefühls in den echten Liedern des alten Sängers abmessen. Insofern indess die oben an- gefihrte Schillersche Behauptung doch auch auf die antike Auffassung des Thierlebens sich zu beziehen scheint, möchte doch auch eins dieser Gedichte, das schöne Lied auf die Cikade, gegen ihn angeführt wer- den können: es lehrt uns wenigstens, dass das bei uns so stark ausgebildete Gefühl für den Reiz eines harmlosen, leichtbefriedigten, in sich beschlossenen Naturlebens, wie es in manchen Thieren uns zur An- schauung kommt, in seinem Gegensatze gegen das unruhige und bedirfnissreiche menschliche Dasein auch den Alten keineswegs fremd war. Aber wer gedächte hier nicht vor Allem der bei allem Uebermuth ge- nialen Muthwillens doch auch von dem frischesten und tiefsten Naturgefühl zeugenden Darstellung des