Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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Gränzen hinausstreifte*³⁴) nach Osten und Norden hin, hatte auch das Meer diesen mytischen, die- sen romantischen Reiz nicht. Lieber als bei seiner wüsten, nur Ungeheuer erzeugenden Oede ver- weilte sein Blick bei dem Zartesten und Lieblichsten, was die Natur erzeugt, in dem stillen Reiche der aus geheimnissvoller Erdtiefe sehnsüchtig dem Lichte entgegenstrebenden Pflanzenwelt; der Wein- stock, der Oelbaum, werden als die herrlichsten Gaben, mit denen ein Gott den heimischen Boden gesegnet, mit Begeisterung von ihm gepriesen 5); der umrankende Epheu, die schlanke Pappel, die gewaltige Eiche, werden zu schönen, treffenden Bildern von ihm benutzt ⁹⁷), und ungemein zart und sinnig wird die allen Elementen, auch den flüchtigsten Stoffen, Luft und Leben entsaugende Seele des Kindes im Ajax mit der jungen Pflanze verglichen, die vom leichten Hauche, von Luft und Licht, in freudigem Genügen sich nährt*).

Noch könnte ich tiefer einzudringen versuchen in die Geheimnisse Sophokleischer Poesie, dem Klange seiner Rede die tiefen Naturgefühle, die er verräth und verbirgt, abzulauschen mich mühen, wie denn des Lichtes mildes Wehen, der scharfe, schneidende Hauch der Morgenluft, durchfrö- stelnde Nachtschauer und gramstillenden Schlummers Süssigkeit wirklich in den Tönen seiner Dichter- sprache dem Feinhörenden fühlbar werden ⁵⁹); doch es gibt Dinge, die lieber leise angedeutet als in breiter Rede auseinandergesetzt werden wollen. Dies und so Manches versteht nur wer es fühlt.*)

Anmerkungen.

1) Dass man in den Dichterwerken der Griechen nur sehr wenige Spuren von dem sentimentalischen Inter- esse antreffe, mit welchem wir Neueren an Naturcharacteren hangen können, hat zuerst, so viel ich weiss, Schiller bestimmt ausgesprochen in seiner überhaupt so höchst wichtigen und gedankenreichen Abhandlung iiber naive und sentimentalische Dichtung(Werke, Stuttgart und Tibingen 1828, B. 18, S. 227 u. d. flg.) So gar selten und unbedeutend indess sind diese Spuren eines solchen Interesses an der Natur doch wohl nicht, und die Behauptung, die Schiller ebendaselbst ausspricht, dass der Grieche zwar im höchsten Grade genau, treu und umständlich in Beschreibung von Naturscenen sei, aber doch gerade nicht mehr und mit keinem vorziiglicheren Herzensantheil, als er es auch in Beschreibung eines Anzuges, eines Schildes, einer Rüstung, eines Hausgeräthes oder irgend eines mechanischen Produktes sei, wird man doch auf keinen Fall unbedingtgelten lassen können, ebensowenig wie den letzten Theil der daransich anschliessendendie Natur scheine mehr seinen Verstand und seine Wiszbegierde als sein moralisches Gefthl zu interessiren, er hänge nicht mit Innigkeit, mit Empündsamkeit, mit süsser Wehmuth an derselben wie wir Neueren. Schon das im Texte Erwähnte möchte wohl geeignet sein in dem Unbefangenen Zweifel an der unbedingten Giltigkeit der Schillerschen Behauptung zu erwecken; ist es doch fast, als wenn jener berihmte Monolog des ster- benden Ajax mit seinem Scheidegrusse an die heimischen Fluren wie an die Quellen und Sträme und Fiu- ren der Trojanischen Ebenen Schiller selbst ein Vorbild gewesen wäre(so weit bei der gänzlichen Ver- schiedenheit der Situationen diess möglich war) bei der ersten Strophe jenes gleich berühmten Monologs seiner von den stillen Lieblingsplätzen ihrer Kindheit scheidenden Johanna, und in den langgezogenen Kla- getönen des Helden, mit denen er von dem strahlenden Lichte des Tages Abschied nimut(œε 6 6 qur vic Iuεοα vir tlα Kal 10 dε† εντs τποσσσωᷣσ⁹Q, HTaνεοαριμαμτ ϑm)hοtm͗ ν 7 αι- lc SGr⁸ hören wir gewiss nicht minder ergreifende Brusttöne des innigsten Gefthls, der innigsten Naturempfindung, denn eine blosse Redefigur ist das strahlende Licht des Tages hier sicher nicht, als in den rührenden Abschiedsworten der JungfrauJohanna geht und nimmer kehrt sie wieder. Doch es sei mir erlaubt in Kürze(eine vollständige Ausführung Wird ohne diess von einer blossen Anmerkung niemand erwarten) noch auf manches Aehnliche aufmerksam zu machen, was den Schillerschen Satz in engere Gränzen einzuschliessen nöthigt, eine Auseinandersetzung, die um so weniger überflüssig erscheinen kann, da auch neuerdings wieder Becker im Charikles Th. 1. S. 209 in ähnlicher Art behauptet hat, dass bei den

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