Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

24

freund aber und rüstigen Jägersmann, wie es Aschylus offenbar gewesen ist, schon mehrere unter den früher angeführten Stellen bezeugen das, dann die so gründlich durchgeführte Vergleichung der Eumeniden mit erhitzten Jagdhunden in dem Stücke gleiches Namens*), das so häufig zu den mannigfachsten Bildern benutzte Jägernetz ³), auch wohl die kühnen und lieblichen Metaphern mit dem Bogen und Pfeile, von des Mitleids, von der Sehnsucht, von des verstohlenen Liebesblickes, auch von des treffenden Wortes Pfeil), und am Deutlichsten vielleicht lehrten es die Schützinnen des Dichters ³²) einen so rüstigen Jäger also haben wir uns unter Sophokles gewiss nicht zu denken, obwohl einzelne aus diesem Bereiche entlehnte Bilder allerdings auch bei ihm bisweilen, z. B. gleich im Anſange des Ajax, wo der lauernd des Helden Zelt umstreiſende Odysseus von Athene mit einem Lakonischen Jagdhunde verglichen wird), sich vorfinden. Und so war denn auch mit den Mühen und Freuden des Fischfanges, des Fischerlebens, Aschylus sicher weit- her vertraut als Sophokles; von einer schärferen Beobachtung wenigstens der Natur dieser Stummen unter den Thieren, der gewaltigen Zähheit und Abgestumpftheit namentlich, die ihnen eigen ist, zeugen nur ein Paar Aschylische Bruchstücke ³*), und eine Art seltsamen Fischdunstes musste sich doch wohl auch durch das merkwürdige Satyrdrama dieses Dichters, den Proteus, mit dem wunder- baren wahrsagenden Meeresalten selbst und seiner Robbenheerde ³⁵), ja wohl auch durch seinen Glaukos, wo der Meeresgott selbst in phantastischer, immer mehr mit den fremdartigsten Bildungen des Meereslebens verwachsender Wundergestalt den Blicken sich zeigte, hindurchziehen 5). Dasselbe aber gilt von dem Verhältnisse beider Dichter zur See, zum Meeresleben, überhaupt. Ein fremdes Element zwar war für keinen von beiden die See; wie konnte sie das auch überhaupt für einen Attischen Dichter sein, und war nicht Sophokles auch über Meer gefahren, als er mit Perikles als Feldherr nach Samos geschickt wurde; aber wirklich zu Hause scheint doch nur Aschy- lus auf der See gewesen zu sein**). Ich sehe ab von seiner herrlichen Schilderung der Seeschlacht bei Salamis, in der er selbst mitkämpfte ³⁸); aber welches warme und lebendige Mitgefühl für des Seefahrers Freude und Leid, Hoffnung und Bangen, zeigt er in Gleichnissen und Bildern wie die von dem nächtlichen auf schauerlichtosendem Meere umhertreibenden und angstvoll den Kahm land- wärts wendenden, anlegenden Schiffer ³⁴), oder von dem, der zur Zeit stürmischen Wetters auf der Rhede liegt und weder bleiben noch vom Stapel laufeu kann*°), dann wieder von dem hocherfreu- ten, dem plötzlich wider Erwarten Land auftaucht nach langer gefahrvoller Fahrt ⁹¹); welches trauliche Verhältniss ferner zum Meere bekundet das dem heimkehrenden Orestes in den Mund ge- legte Wort, Zeit sei es nun den Anker auszuwerfen in gastlicher Fremdenherberge ²⁸); und wie wohlbekannt zeigt sich uns der Dichter mit allen Gefahren des Meeres und allen Vorsichtsmaassre- geln dagegen in so vielen Stellen seiner Stücke, vornehmlich in den Hilfeerflehenden, die überhaupt, wie es zum Theil schon der Stoff, die zur See den Fliehenden nacheilenden Agyptossöhne, mit sich brachte, an der Seefahrt entlehnten Bildern und Anschauungen am Reichsten sind ⁹⁵). Und wie sollte auch das unermessliche Meer, das überdies, wie sein eigenes Gemüth, der Dichter Asien und Europa in gleich liebender Umarmung umfassen sah, seine auf das Unermessene, das Unbekannte und Ferne, die Wunder des Orients, gerichtete Phantasie nicht auf das Mächtigste angezogen, ge- ſesselt und beherrscht haben. Für Sophokles, den die Erdfernen nicht lockten, mehr das, was jen- seitsdes schmalen Isthmus dieses Lebens liegt**), dessen Auge nur selten über Griechenlands