Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

und allgemeinen Beziehungen, in die der Mensch als Ackersmann, als Fischer, als Hirt mit der Natur tritt, müssen für Aschylus frischen und kräftigen Sinn noch einen Reiz gehabt haben, wie sie bei weiter fortschreitender Geistesbildung und Sittenverfeinerung ihn nur selten noch ausübten. Gern verweilet daher sein Geist bei Anschauungen der Art, mit sichtbarer Liebe malt er die Bilder aus diesen Sphären aus.. So ist er es, bei dem die wunderschönen Verse sich finden, in denen Aphrodite ihre Herr-

schermacht, die allwaltende Macht der Liebe, also preist:

Der Himmel sehnt sich nach der Erd' in keuscher Glut

Und Sehnen fasst die Erde nach des Himmels Kuss;

Da strömt vom sehnsuchtsvollen Himmel Regenguss,

Er küsst die Erd', und sie gebiert den Sterblichen

Der Lämmer Grasung und Demeters Segensfrucht,

Des Waldes Frühling auch, vom Hochzeitsthau erstarkt,

Erwachet froh; das Alles aber kommt von mir); er ist es, dem selbst die Eumeniden, die furchtbaren, unterirdischen, in Erdsegenspendende, Pflanzen- ausaugenden Brand abwendende, Misswachsabwehrende, Heerden behütende, erziehende, mehrende, heilvolle Naturgöttinnen sich verwandeln), er, den auch das Furchtbarste, das Unnatürlichste, was Menschen vollführen, was Menschen treffen kann, des geschlachteten Agamemnons Blut, von dem ein dunkler Tropfen auf die Mannesmörderin sprüzt, und die wilde, dämonische Freude der frechen Frevlerin über die Besprengung mit dem blutigen Thau an die Natur, an den dursten- den Acker mahnt, wie er von des Himmels den in seinen Schooss gelegten Keim anschwellendem, treiben- dem Frühlingsregen getroffen in frischer Heiterkeit erglänzt); er ist es, der in grossartiger, sinn- und wirkungsoller Naivetät Niobe, die stumm in ungeheuerstem Mutterschmerz auf dem Grabe ihrer Kinder sitzt, mit dem Vogel, der brütend die noch ungebornen Küchlein deckt*), der Orest und Elektra auf dem Grabe des Vaters mit verwaisten, verlassenen Küchlein vergleicht*), und welch rührendes Bild er uns in den Hillfeerflehenden von dem hilflos nach dem Hirten blökenden Schafe entwirft, hatten wir schon früher Anlass uns zu vergegenwärtigen. Ich wüsste nicht gleich eigen- thümliche, lebenswarme, frischkräftige Anschauungen und Bilder derselben Art aus Sophokleischen Tragödien anzuführen. Von dem Ackerbau werden ausser den bekannten für Zeugen und Gebären fast nirgends Bilder von ihm entlehnt, wenn auch von tiefer Empfindung für die heilige Mutter Erde gewiss des Dichters Gemüth erfüllt war, wie insbesondere die Klage des Chors in der Antigone über das alles ersinnende, alles wagende Menschengeschlecht, das auch die höchste der Gottheiten, die Erde, die unvergängliche, nimmer ermattende, zu ermüden und zu erschöpfen strebe, mit dem Pflug- schaar sie durchfurchend von Jahr zu Jahr, uns recht deutlich lehrt 76). Von dem Hirtenleben konntendie Hirten des Dichters vielleicht ein lebendiges Bild geben, einige Bruchstücke dersel- ben, die uns erhalten sind, deuten darauf hin; doch genügen sie nicht, um ein ganz sicheres Urtheil über den Werth des Stückes in dieser Beziehung sich nach ihnen zu bilden**), wenn auch über das Verhältniss zu ihren Schafen hier die Hirten gewiss recht treffend sich aussprechen, indem sie erklären, obwohl sie die Herren ihrer Schafe wären, so dienten sie ihnen doch und müssten, auch ohne dass jene sprächen, auf sie zu hören, sie zu verstehen wissen*). Einen so grossen Jagd-