Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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schlessen ⁸⁴). Das sind nun freilich grossentheils Anschauungen und Bilder, die durch die Natur der Stoffe, die der Dichter behandelte, gewissermaassen mit Nothwendigkeit herbeigeführt wurden, aber zur Charakteristik beider Dichter dient es doch immer, dass bei dem einen, bei Aschylus, 80 kühne und kräftige Bilder so häufig uns vor Augen gestellt werden, bei dem anderen, bei Sopho- kles, fast michts der Art sich findet. Doch noch eine zweite Eigenthümlichkeit der Naturauffassung des älteren Dichters, iasefern sie auf die Thierwelt sich richtet, offenbart sich uns in mehreren der bereits angeführten und einigen anderen poetischen Bildern desselben. Wie nehmlich die kräftigeren Thiere in ihrem wilden Zustande, so nehmen die schwächeren, sanſteren eben in ihrer Schwachheit, in ihrer Hilflosigkeit, seine Aufmerksamkeit und Theilnahme vorzugsweise in Anspruch, das Hirsch- kalb, das zwei gierige Wölſe zerfleischen 6⁵), der gehetzte Hase ⁵⁶), das verirrte, unruhig an jähen Felsabhängen hin und her laufende und durch ängstliches Blöken dem Hirten sein Leid klagende Kalb 6) Wemit denn auch manches Andere bei dem Dichter, wie namentlich die Vorliebe für Jungfrauenchöre der Art, wie wir in den Schutzerflehenden, in den Sieben vor Theben, auch im Prometheus sie finden, die Liebe zu dem sanft-schüchternen Weibe, der vollständigsten Ergänzung des kräftigen Mannes, in sehr engem Zusammenhange steht. Wogegen Sophokles, der so giganti- sche, übermenschliche Heldenkraft des Mannes, sei dies nun ein Titane, ein Heros oder ein Sterbli- cher, im Thun oder Leiden, wie Aschylus im Prometheus und den Sieben vor Theben, uns nirgends zur Aunschauung bringt auch sein Herakles in den Trachinierinnen ist ein Weib in Klagen ⁵⁸) gegen den meist stumm oder Anderes redend, Zukunft verkündend, die furchtbarsten Qualen erdul- denden und dabei stets fest auf seinem Sinne beharrenden Titanen die Heldenjungfrau in seiner Elektra, noch mehr in seiner Antigone, in den herrlichsten Bildern uns vor Augen stellt. Eben weil aber der Gegensatz zwischen dem Starken und dem Schwachen, dem Männlichen und dem Weiblichen bei Sophokles nicht mit gleicher Entschiedenheit wie bei Aschylus hervortritt, stellt sich uns auch seine Anschauung der Thierwelt in minder scharfausgeprägter Eigenthümlichkeit dar, und es lässt sich kaum noch etwas ausser dem bereits Erwähnten als besonders charakteristisch an ihr her- vorheben. Nur dass bei den Vögeln des Himmels mit leichtem Sinne, die mit der Fittige Schnell- kraft die Lüfte durchschneidend ohne Mühe segeln von Ort zu Ort, am Liebsten des Dichters Phan- zasie werweilte, kann allerdings nicht als etwas Zufälliges betrachtet werden, sondern die Heiter- keit und Erhabenheit seines Sinnes spiegelt sich hierin deutlich ab 6⁹); in derselben Vorliebe aber finden auch kühne bildliche Ausdrücke wie von dem Auflfliegen der Seele in Hoffnungen und in Lust*), von den in den Räumen des Himmels umherfliegenden Gottesgesetzen, und ähnliche, ihre genügende Erklärung. Doch es ist Zeit die Schranken dieser das Thierleben isolirenden Betrach- tung zu durchbrechen und eine allgemeinere Ansicht über das Verhältniss beider Dichter nicht zu diesem allein, sondern zu dem ganzen Naturleben überhaupt, wovon dies freilich immer ein besonders wichtiges Moment bleibt, uns zu bilden.

zu dem gesammten Naturleben nun standen beide Dichter offenbar in einem etwas ver- schiedenen Verhältnisse. Ein tiefes und kräftiges Naturgefühl allerdings athmet in den Dichtungen beider; aber die Natur stand beiden nicht gleich nahe, nicht in gleichem Maasse wenigstens scheinen beide die Natur auch in ihr thätiges Leben hineingezogen zu haben. Das Naturleben in seinen ein- ſachsten Formen, wie es den Menschen immer unmittelbar umgibt, jene so innigen, aber uralten