Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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aus jenen Zeiten und Zuständen selbst zu entnehmen braucht, ein Gefühl, das vielleicht auch Aschylus hatte, nur dass es bei ihm von der entschiedenen Vorliebe für das Wildkräftige, Ungeheure, Staunenerregende überwogen wurde. Dafür weiss Sophokles einem anderen, auch stolzen und könig- lichen, aber weit sanftern und fügsameren Thiere, ich meine das dem Menschen so treue, so ergebene Ross, die schönsten Naturbilder abzugewinnen; denn dies edelste unter den vollständig zu zähmen- den Thieren, das Thier, welches, gerade wie nach Aristoteles der Hellene, verglichen mit den an- deren Völkern des Alterthums, das Muthvolle und das Verständige auf das Vollkommenste in sich vereinigt*), war wie des hellenischen Volkes überhaupt so ganz besonders auch sein Liebling, wozu auch in frühester Kindheit empfangene Eindrücke leicht das Ihrige beigetragen haben können, denn ein den Göttern der Rossezucht geweihter Ort, der Kolonos Hippios, ist es ja, dem unser Dichter seiner Abstammung nach angehörte**).

Zwar in den uns vollständig erhaltenen Sophokleischen Tragödien finden wir wohl begeisterte Lobpreisungen des edlen Thieres, namentlich insofern es des Dichters Vaterland uralten Sagen nach gleichsam als sein Eigenthum in Anspruch nehmen konnte*), es wird uns in dem fingirten Wett- kampfe der Wagenlenker, der in der Elektra geschildert wird, als Wagenross in manniglachen Gestalten und Zuständen*), dann auch in niederem Dienste an den Pflug gespannt in der Antigone vorgeführt ⁵ο), und dass es der Dichter keineswegs geringachtete, könnte man schon aus dem eigen- thümlichen Ausdrucke der Füllenbändigung, den er Ajax von der Nothwendigkeit der frühen Ge- wöhnung seines Eurysakes an den Anblick wilder und blutiger Scenen gebrauchen lässt, abneh- men*¹); auch findet sich zu einem recht treffenden Gleichniss die Natur des edlen Rosses in der Elektra benutzt, indem Orest hier seinen alten, ungeachtet seines Alters aber noch rüstigen Erzie- her, der ihm den thätigsten Beistand bei seinem grossen Unternehmen zusagt, mit einem alternden Rosse trefflicher Art, das noch immer auch in der Gefahr den Muth nicht aufgebe, sondern mit straffem Ohr ihres wirklichen Nahens harre, vergleicht ⁵²); so dass eine gewisse Vorliebe des Dich- ters für das edelgeartete Thier allerdings schon hieraus erhellen würde: aber von der Tiefe der Beobachtung und der Empfindung, mit welcher der Dichter in die thierische Seele freilich eines der menschenähnlichsten unter den Thieren sich zu versenken wusste, würden wir doch bei alle dem kaum eine Ahnung haben, wenn ein herrliches Bruchstück aus einem seiner verlornen Stücke, seiner Tyro, uns nicht durch die Gunst des Geschicks oder vielmehr durch den umsichtigen wissen- schaftlichen Eifer des grossen Aristoteles(von ihm wird es in seiner Geschichte der Thiere ange- geführt) erhalten worden wäre. Dort nehmlich spricht die ihren tiefen Unwillen und Schmerz über die an ihr verübte Gewaltthat, die Abmähung ihrer Lockenpracht, edel bewältigende Tyro selbst die schönen Worte:

Ich dulde meiner Locken Leid der Stute gleich,

Die, mächtig überfallen durch der Hirten Zwang

Bei Rosseweiden, leidet, dass mit harter Hand

Des Nackens braune Blüte wird hinweggemäht

Und auf den Wiesen treffend dann der Quelle Trank Darin an ihrem Schattenbild mit Schrecken sieht

Die Mähne schmachvoll durch die Schur herausgerupft;