12
zum Grunde liegt, nur in Rücksicht auf seinen Vortheil ihm Sehkraft zugesteht, in seiner Kunst aber sei er blind ²⁰); er selbst dagegen, der nichts wissende Odipus,(so nennt er sich ironisch, der Unselige, und ahnet nicht, dass eine furchtbare Ironie des Schicksals ihn wider Willen die reinste Wahrheit sprechen lässt), er selbst habe oline Seherkunst das unlösbare Räthsel der Sphinx gelöst; worauf dann Teiresias mit vollem Rechte auf ihn selbst seine Vorwürſfe zurückwälzt,„er, obwohl er sehend sei, sehe doch nicht, in welchem Unheil er schwebe,“ und„jetzt sehe er zwar äusser- lich, bald aber werde er nur Finsterniss schauen, wenn die Fluchgöttinnen ihn ergreifen würden,«« eine Weissagung, die später noch einmal mit noch grösserer Deutlichkeit von dem Seher ausgespro- chen wird*¹). Mit diesem Vorherrschen aber der Idee von Licht und Finsterniss in ihrem Gegen- satze, von der traurigen Täuschung der armseligen Menschenkinder, die sie im strahlendsten Lichte der Erkenntniss zu wandeln vermeinen lässt, während sie in der dunkelsten Finsterniss umhertappen, nicht wissen, was sie sind, nicht ahnen, was sie werden, was an ihnen offenbar werden soll, stimmt sehr schön die wichtige Rolle, die Helios in unserer Tragödie spielt, überein; denn wie Kreon, als des Odipus Greuel enthüllt sind, diesen auffordert aus Scheu vor des Helios all- nährender Flamme nicht unverhüllt das Entsetzliche zu zeigen, so schwört auch der Chor, da bei Odipus der Verdacht sich regt, dass er mit Kreon und Teiresias gegen ihn, den König, verschwo- ren sein könnte, einen Reinigungseid bei Helios, und mit klaren Worten wird er hier der erste der Götter von ihm genannt ²²⁹), eine Vorstellung, zu der freilich überhaupt das heitere und reine Ge- müth des grossen Dichters mit besonderer Liebe sich hinneigte. Aber nicht nur dem Lichte in seiner milden Pracht, wo es wie das Wehen eines linden Hauches die Sinne und das Herz erquickt 2 3), nicht nur des Tages heiterem Glanze fühlte des Dichters Seele sich nahe befreundet und verwandt; auch die tiefe Bedeutung der Nacht hatte sich ihm wie kaum einem anderen unter den Dichtern des Alterthums erschlossen, und wenn auch der volle Werth der nüchternen Klarheit des auf die Ver- hältnisse der irdischen Dinge gerichteten Denkens und Bewusstseins gewiss von ihm recht wohl be- grilfen und erkannt wurde, so kannte er doch noch etwas Höheres als dieses und würdigte es nach seinem vollen Werth, jenes tiefe, heilige Schweigen der Séele, in welchem so leise immer eine Welle der Empfindung in die andere hinüberfliesst, dass Wachen und Schlummer hier wie in Eins verschmolzen zu sein scheinen, jene heitere kindliche Unbefangenheit des Gemüths, in der es noch nichts ahnt von den Räthseln des Geschicks ²2⁴), jene erhabene Ruhe am Ziele, wenn der Farben- glanz der Erscheinungen des irdischen Tages stumpf wird und erlischt und die Seele allein ist mit Gott.
Und wie im König dipus das Licht, das Alles offenbar macht, verherrlicht wird, und diese Offenbarung, die göttliche Daναα selbst, ihre Triumphe ſeiert und eben von da aus, von dieser Ver- herrlichung des Lichtes aus, sich doch ein heiterer Schimmer über die sonst so herbe und strenge, fast aller mildernden Motive entbehrende Tragik des Dramas verbreitet, so könnte man den anderen Odipus eine poetische Verklärung der Nacht, des Schweigens und des Todes nennen. Denn er, der blinde Ödipus, der sich selbst geblendet, um sich zu strafen, ist nun gerade als solcher der gott- geliebte, er, der blinde, findet unbewusst den richtigsten Weg, betritt, nur von der Ahnung seiner Seele, von einem inneren Lichte, geleitet, den Hain, wo er Ruhe finden sollte, obwohl sonst für jeden es ein Frevel war ihn zu betreten, zeigt den Sehenden den Weg zu der Stätte des Grabes, die die
3


