16
Hauche der Morgenluft, zur Besinnung kommt, dass so der Tag ihm in einer anderen Beziehung Wieder zur Nacht wird ¹⁹), indem er das Schrecklichste ihn entdecken lässt, die Finsterniss zum Lichte, wenn sie bergen könnte seine Schmach, weshalb er auch in das tieſste Dickicht sich verbirgt und hier sein unseliges Dasein endet, wie bedeutsam, wie sinnvoll ist das Alles von dem grossen Dichter gedichtet und geordnet worden, wie wirken und weben sich hier menscliche That und Natur zu einem so harmonischen, grossartig-schauerlichen Bilde zusammen. Doch auch da, wo dem Auge nichts dargeboten wird, was in einem so harmonischen Verhältnisse mit dem Grundgedanken der Dichtung stünde, kann eine geheime Symbolik durch ein poetisches Werk sich hindurchziehen; denn auch die Phantasie wird zum Auge und helle und heitere oder distere und traurige Bilder, die die Worte des Dichters in ihr erwecken, wirken auf ähnliche Weise auf das Gemüth ein, rufen mit beinah gleichmächtiger Zauberkraft bestimmte Gemüthszustände hervor, wie die äusseren Anschauun- gen, die mittelst der Sinne entstehen; weshalb denn auch schon allein die Wahl einer eignen Art von Bildern, das Vorwalten einer eigenthümlichen Art geistiger Anschauungen einem Werke der Poesie das Gepräge des Symbolischen und Tiefbedeutsamen wird mittheilen können. Es ist dann gleichsam die eigenthümliche Färbung des Horizonts, der uns umgibt, die so mächtig auf uns ein- wirkt. So nun sind beieSophokles in dem König Odipus die Bilder und Gleichnisse, die vom Lichte entlehnt sind, entschieden die vorherrschenden, in schöner Uebereinstimmg mit dem allgemeinen Grund- gedanken der Tragödie selbst, Wie mit der ganzen Handlung derselben, denn die unselige Nacht der Irrthümer, des Wahnes der Sterblichen, die sich selbst helles Licht zu sein dünkt, die Nacht der Selbstverblendung, ist es doch offenbar, über die der Dichter in dieser spannendsten und er- schütterndsten seiner Tragödien ein tieferes Bewusstsein in uns wecken will. Am deutlichsten zeigt sich dies in dem ersten Chorgesange des Stückes, wo der Chor Enthüllung des bis jetzt in tiefes Geheimniss Gehüllten von den Göttern erfleht. Denn abgeschen davon, dass schon die bildlichen Ausdrücke, mit denen die von den Göttern über das Land gesendete Pest bezeichnet wird, immer die Ideen von Flamme und Licht in sich schliessen, so werden als Abwender des Uebels nur Götter des Lichts, Zeus, der die Gewalt der feuerbringenden Blitze regiert, Apollo, der Lichtgott, und Artemis mit flammenleuchtendem Schimmer, endlich Bacchus, dass er mit glanzstrahlender Fackel verzehre den verderblichen Gott, angerufen, und selbst den Päan, der zur Abwendung des Unheils gesungen wird, lässt der Dichter mit poetischer Kühnheit aufleuchten. Und welcher Goldglanz verbreitet sich ausserdem noch über den Gesang von dem goldenen Kinde der. Hoffnung, der un- sterblichen Phama, von der zweimal erwähnten goldgewundenen Sehne des Apollo und dem mit goldener Mitra geschmückten Bacchus aus 1). Wozu denn auch die prächtigen bald langhin sich streckenden, bald kürzeren daktylischen Rhythmen namentlich in der ersten Strophe und Antistrophe go Wie die vollen und runden Klänge, die hier ertönen, auf das Vortrefflichste passen. Die mit diesen nahe verwandten Vorstellungen aber des Sehens und der Blindheit, der geistigen und der physischen, in ihrem Gegensatze wie ahnungsschaurig ziehen sie sich als Grundidee der ganzen Dichtung durch alle Theile derselben hindurch; wie wenn Odipus dem blinden Seher Teiresias seine Blindheit auf qas Härteste vorwirft, ganz blind an Verstande und an Augen ihn nennt, dann dass er in ewiger Nacht wandle und deshalb keinem, der das Licht schaue, schaden könne, ihm hohnend zur Erinnerung bringt, ferner, denn unerschöpflich ist er in Schmähungen, denen allen der Vorwurk der Blindheit


