Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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verrathen ja eben dadurch, dass sie keine echten, vollkommenen Symbole sind; auch soll ja über- haupt die Einheit des Symbols und der Sache, die es darstellt, nur geahnt und gefühlt, in unmittel- barem Bewusstsein erfasst werden; verwandle ich die Ahnung in einen deutlichen Begriff, so geht der wahre Reiz und Zauber des Symbolischen damit sogleich verloren, denn was eben nur als Eins, als ein Identisches, gefasst werden sollte, das wird alsdann zuerst künstlich getrennt und in seiner Verschiedenheit vor das Bewusstsein gebracht, damit es dann sich wieder zusammenleimen lasse zu einer eben so künstlichen Einheit. Das ist aber doch wenigstens keine dichterische, nur eine kriti- sche, dem Erklärer des Dichters, nicht diesem selbst zustehende Operation.

Dass aber auch mit der ruhigen Klarheit antiker Naturbetrachtung eine solche tiefsinnige Natur- ansicht sich doch recht wohl vertragen konnte, lässt schon daraus sich mit Sicherheit entnehmen, dass auch einer noch kühneren, entschieden mystischen Naturauffas sung die Alten keines- wegs ganz abhold waren, denn auch von dieser Betrachtungsweise der Dinge finden sich bei ihnen, vornehmlich auch wieder bei Sophokles, deutliche Spuren. Nicht nur mitempfindend nehmlich, auch mithandelnd nimmt bei ihm die Natur, nehmen äussere Dinge und Verhöltnisse, Theil an dem Thun und Treiben der Menschen und sehen sich somit zu auf geheimnissvolle Weise geistig oder geister- haft, d. h. weit über die Kraft ihres natürlichen Seins hinaus, wirkenden Potenzen erhoben.

So ist es der Tag selbst, an welchem Ajax so schauerlich endete, welchen der Dichter das Schicksal des Helden bestimmen lässt, wäre er nur dieses Tages unseligen Gestirnen entronnen, so würde er kein Raub des Verderbens geworden sein ¹²); so heist es ferner von dem Beile selbst

das Agamemnons Nacken getroffen, in der Elektra des Dichters, dass es nimmer vergesse die gr

ause That und Rache bereite, weshalb es denn auch in Orests Händen ein so bereitwilliges Werkzeug wurde für diese Rache ¹³), und auf ganz älmliche Weise wird auch dem Schwerdte des Ajax, He- ktors Geschenk, von dem Helden eine geheimnissvolle, seinem Besitzer Verderben bringende Gewalt zugeschrieben, und dies Schwerdt ist es dann auch, in welches er sich stürzt, um sein Leben zu enden ¹⁴); ja auch Philoktets unentrinnbare Pſeile, ohne die Troja nicht erobert werden kann, ge- hören hierher, denn auch in ihnen wohnt eine wunderbare, aus ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften nicht zu erklärende Kraft). Nur dass auf ein solches dämonisches Walten, wel- ches klar und entschieden hervortretend alles menschliche Handeln in dem widrigen Lichte eines ganz eitlen und nutzlosen Strebens und Wicderstrebens uns erscheinen lassen, alle menschliche Frei- heit gänzlich anfhehen und somit das Drama selbst aus dem Drama hinaustreiben würde, der weisere Dichter nur hier und da ganz leise hinzudeuten sich beguügte, um so leiser hinzudeuten, je dunkle- ren und geheimnissvolleren Regionen des menschlichen Bewusstseins überhaupt solche Tselhgnn ihren Ursprung zu danken haben ¹⁶). 4

In derselben Tragödie aber, in welcher jene geheimnissvoll wirkende Macht der äusseren Dinge noch am Entschiedensten hervortritt, in dem Ajax nehmlich, glaube ich auch das Symbolische in der Naturauffassung des Dichters am Sichersten nachweisen zu können. Das sturmbewegte Meer, auf welches eine Aussicht sich darbietet, wird es nicht, indem zugleich fortwährend Bilder von ihm zur Darstellung der Stürme und Wogen der Leidenschaft entlehnt werden, geradezu zu einem Gegen- pilde des wildstürmenden Gemüths des verzweifelnden Helden 17)? Und dass bei Nacht Ajax seine nächtlichen Thaten verübt, beim Beginn des Tages, angewelit von dem scharfen und nüchternen