Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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Aschylus aufnahmen, der sicherste Beweis ist, dass auch der Gesammtheit seiner Athenischen Zeit- genossen Perikles keine Schmeichelei sagte, wenn er ein so vielsagendes Lob über sie aussprach; wobei wir indess freilich wieder an eine ganz gründliche und durchgreifende Geschmaksreinigung selbst bei diesem kunstsinnigsten Volke der Erde nicht denken dürfen; sonst würde nicht noch wäh- rend der Zeit der künstlerischeu Wirksamkeit des glücklichen UÜberwinders des erhabensten der tra- gischen Dichter wieder Euripides mit ähnlichen, nur an Grossartigkeit jenen weit nachstehenden Phantasmagorieen so leicht Eingang geſunden haben, wie dies doch der Fall gewesen zu sein scheint, wenn auch einzelne schärfere Kritiker, vor Allem der strengste Richter des Dichters, Aristophanes, allerdings bald das Abenteuerliche und Untragische in seinen auf geflügeltem Rosse zum Himmel emporsteigenden Bellerophons, seiner an den Felsen angeschmiedeten und von dem mittelst seiner

wunderbaren Flügelsohlen die Lüfte durchschneidenden Perseus geretteten Andromeda bei So- phokles nur ein Sujet für ein Satyrdrama und ähnlichen Wundergestalten seiner Tragödien ent-

deckte ¹). Merkwürdig, dass wir hier zwei sonst so ganz verschiedenartige Dichter wie Aschylus und Euripides doch so nahe nebeneinanderhinlaufende Wege betreten sehen; doch auch in manchem Anderen berühren und begegnen sich beide oder scheinen wenigstens einander ganz nahe zu kom- men; so in dem ziemlich freien und ausgedehnten Gebrauch, den sie von Götter- und Geisterer- Scheinungen in ihren Tragödien machen, in der Verwebung rein allegorischer Wesen in die Hand- lung des Dramas, womit auch die kühnen Prosopopöieen, die wir bei beiden öfter finden, nahe zu- sammenhängen, ferner in der Vorliebe für die Darstellung des Wahnsinns und ekstatischer Seelenzu- stände; während bei Sophokles von alle dem fast gar nichts zu entdecken ist 11). Und dennoch ist es gerade ihm, der alle diese gewaltsameren Alittel das Gemüth aufzuregen verschmähte, vor allen Andern gelungen die tiefste tragische Wirkung hervorzubringen. Es ist die Tiefe der Ge- fühle seiner Dichterbrust, der er fast allein diese wunderbare Macht über das menschliche Gemüth verdankt. Von diesem Tiefsinn aber zeugen bei aller Anspruehslosigkeit auch die Naturbilder, die er uns in einigen seiner Tragödien wenigstens vor Augen stellte. Ausser dem leicht wahrzuneh-

menden und zu begreifenden Zusammenhange nehmlich der Natur mit dem menschlichen Handeln, der darauf beruht, dass sie einestheils der Schauplatz ist, auf dem der handelnde Aensch auftritt, dann wohl auch öfter äusserlich fördernd oder hemmend auf sein Handeln einwirkt oder auch in seinem Gemüthe Gedanken und Empfindungen erweckt, die auf sein Thun Einfluss üben, fühlt sich der Dichter, das poetische Gemüth, getrieben noch einen anderen, geheimnissvolleren Zusammen- hang zwischen beiden Welten, der physischen und der moralischen, anzunehmen, eine prästabilirte Harmonie beider, in Folge deren die Erscheinungen der einen und die der anderen, namentlich in den bedeutendsten Momenten des Menschenlebens, auf eine wunderbare Weise in einander greifen und verschmelzen, zu einem Ganzen tiefster Wirkung sich vereinigen.

Von dieser symbolischen Naturansicht nun, welche in der Natur ein mit den Saiten der menschlichen Brust gleichgestimmtes, wenn sie erregt sind, mitklingendes Instrument uns erkennen lässt, finden wir bei keinem der Tragiker des Alterthums deutlichere und bedeutsamere Spuren, als bei dem, der am Tieſfsten unter ihnen fühlte, bei Sophokles. Nur muss natürlich niemand verlangen, dass mit plumpem Worte der Dichter selbst auf diese zarte Symbolik der Naturbetrachtung uns hin- weise; denn Symbole, die erst einer weitläuftigen Erklärung, überhaupt einer Erklärung bedürfen,