13
hinter ihr unter rothen Decken des gemordeten Fürsten und der mit ihm erschlagenen Kassandra Lei- chen, Anschauungen, die des Dichters Agamemnon darbietet, sind es nicht gleich glühende, in den brennendsten Farben leuchtende Bilder? Und in den Eumeniden der faxchibare Chor der Eumeniden, der schlangenhaarigen, bluttriefenden, in distres Schwvarz gekleideten grausen Töchter der Nachi selbst, dann Athene durch die Lüfte herabkommend auf rossebespanntem Wagen, die Trompeten- klänge des das Gericht berufenden Herolds, endlich der ſeierliche Fackelzug am Schlusse; ferner fn den Persern der glänzende Fürstenchor, dann die Königin Mutter im reichsten Schmucke auf golde- nem Throne, der auf die inbrünstigen Beschwörungen seiner Getreuen aus der Gruft emporsteigende Geist ihres Gatten, des grossen Darius, welche prachtvollen, schauerlichen und ergreiſenden Bilder, welche mächtige Einwirkung mussten Anschauungen der Art auf die Gemüther der Sehauenden üben ⁶). Blicken wir nun auf Sophokles, so werden wir kaum etwas dem Aehnliches i in irgend einer seiner Tragödien, in keiner von denen wenigstens, deren ganze Komposition wir genauer kennen, zu entdecken im Stande sein; mit tiefer künstlerischer Weisheit zieht er es in der Regel vor von
dem Grossartigsten und Schauerlichsten durch Erzählung uns zu unterrichten, statt vor unseren Au- gen es geschehen zu lassen, mehr unsere Phantasie als das Auge zu beschäftigen und mit dem Reize des Ahnungsvollen auf unser Gemüth zu wirken. So hat in seinem Odipus auf Kolonos aller- dings der wunderbare Ausgang, die Abberufung des hartgeprüſten Dulders durch die Gottheit selbst, etwas höchst Erhabenes und Feierliches; aber die göttliche Stimme, die ihn abruft, ihn zu wieder- holten Malen nicht mehr zu zögern mahnt, hörte man doch nicht unmittelbar, und die mächtigen Donnerschläge, die zuckenden Blitze, die der geheimnissvollen Katastrophe vorangehen, sollten doch eben nur vorbereiten auf das, was kommen soll, und glorreich überwindet zuletzt den sinnlichen Eindruck und dessen Gewalt die rein geistige Erhebung und tiefe Rührung, zu welcher durch die Erzählung des Boten, der mit der Nachricht von dem in geheimnissvolles Dunkel gehüllten Tode des wunderbaren Greises auftritt, der Dichter unser Gemüth zu stimmen weiss. Im Philoktet er- scheint zwar Herakles den Knoten zu lösen am Schlusse; aber nichts ereignet sich sonst, was mäch- tig auf die Sinne hätte wirken können. Im Ajax sehen wir den Helden unter den gemordeten Wid- dern und Schafen, sehen ihn auch sich in das eigne Schwerdt stürzen, ergreifende Scenen, die aber doch das Imponirende Aschyleischer Schauergemälde noch nicht haben. Nur in den Trachinierinnen musste allerdings der Heros auf lammendem Scheiterhaufen am Schlusse der Tragödie ein höchst imposantes und ergreifendes Schauspiel gewähren*). Von jener Neigung zum Pomphaften und Prunkenden aber, von der offenbar der grosse Aschylus nicht ganz freigesprochen werden kann, ist doch jedenfalls bei Sophokles auch nicht die geringste Spur zu entdecken; so wenig er die seltsame Vorliebe seines jüngeren Rivals, Euripides, für bettelhafte, in Lumpen gehüllte und mit ihren Lum- pen gleichsam prunkende Helden theilt*)— wie selten wird selbst bei dem aus der Heimat ver- stossenen Odipus hierauf der Accent von ihm gelegt,— eben so wenig liebt er auch bei seinen Für- sten und Helden den bunten Flitterstaat orientalischer Königspracht.„Wir lieben das Sehöne, ohne an dem Prunke Gefallen zu finden, dies Perikleische Wort bei Thucydides ²) von den Athenetn findet vor allen auf Sophokles, einen der echtesten Hellenen, Anwendung; obwohl allerdings zugleich eben der enthusiastische Beifall, mit welchem die Athener die geistigere und insofern einfachere Schönheit Sophokleischer Kunsibildungen nach den so imponirenden und staunenerregenden Schöpfungen eines


