Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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zu nennen ist, so ist es doch mehr die im Innern des Dichtergeistes wirkende, nicht die äussere Natur, der solche Wirkungen zuzuschreiben sind; und Wenn auch die äussere Natur, was freilich nicht abzuläugnen ist, auch hier eintritt, wenn in dem echten Dichtergenius auch Naturanschauung und Naturbetrachtung gewiss die intensive Kraft seines inneren Bildungstriebes zu verstärken, den rohen Trieb zu reinigen und zu veredeln vermag: so ist dies doch eine so geheimnissvolle, so Wenig aäusserlich wahrnehmbare, in ihren einzelnen Ergebnissen so unberechenbare Operation, dass sie bei einer Betrachtung der Naturanschauung eines Dichters kaum mit in Erwägung gezogen Werden kann. Aber wenn auch das Ueberschwengliche in dem Naturgefühle Neuerer den Alten fremd blieb, was theils in der auch durch den engern Kreis ihrer Vorstellungen bedingten Einfachheit ihres Den- kens und Fühlens überhauùpt, in der Ruhe und Klarheit ihres Geistes, der nicht ungeduldig über die Schranken des jedesmal Gegebenen hinaus in das Unendliche strebte, theils eben in jener innigeren, die Sehnsucht ausschliessenden Befreundung mit der Natur seinen Grund hatte: kalt und gleichgiltig gegen die Natur, die gerade sie in der reichsten Fülle ihrer Schönheit und Erhabenheit umgab, waren sie, war ein Homer, ein Aschylus, ein Pindar, ein Sophokles keineswegs, und in je reineren und sichreren Umrissen das Eigenthümliche ihres Genius überhaupt sich darstellte, um desto schärfer und klarer muss auch das Eigenthümliche ihrer Naturauffassung sich herausstellen, und Wenn auch aus solchen Betrachtungen nicht ganz neue Resultate für ihre Charakteristik sich ergeben können, so wird sie an Sicherheit doch offenbar auch durch Erwägungen der Art, sofern sie nur mit einiger Sorgsamkeit angestellt werden, gewinnen müssen. Doch auch jenes tiefere Naturgefühl, wel- ches an eine uns liebgewordene Natur, an heimatliche oder uns zur zweiten Heimat gewordene Flu- ren mit gleich festen Banden wie an einen lieben Freund, an eine Geliebte, uns fesselt und das Scheiden aus der vertrauten Umgebung, auch der nach der gewöhnlichen Ansicht leblosen, mit pftte- rer Wehmuth uns empfinden lässt, ein Gefühl, welches wenigstens ganz nahe an das streift, was wir das Sentimentale nennen, kannte ein Sophokles, ein wie echter Grieche er auch war, recht wohl ¹), und selbst den düstern und strengen Ernst einer seiner kräftigsten Peiderr o lcnown scheute er sich nicht durch die weichen Züge einer solchen aus inniger Naturempfindung entsprunge- nen Wehmuth zu mildern, wie Kräſtiges und Sanftes, Mildes und Herbes sich überhaupt bei diesem Dichter zu einer vollkommneren Harmonie als vielleicht bei irgend einem andern verschmelzen. Oder gäbe es noch eine andere Deutung des Scheidegrusses, den Ajax, ehe er in sein Schwerdt

sich stürzt, dem strahlenden Lichte des Tages, dem heiligen Boden des heimischen Salamis, zuletzt den Quellen und Flüssen und Ebenen der Gegend um Troja, den Hainen und Grotten, die zehn Jahre, allzulange, wie er anderswo klagt, ihn hier festgehalten, zuruft? ²) Und verräth sich nicht dasselbe tiefe Naturgefühl, welches ein ähnliches Verhältniss wie zwischen zwei einander ganz nahe stehen- den Menschen zwischen uns und der Natur gestaltet, auch in den klagenden Worten, in die er nach wiedergekehrtem Bewusstsein ausbricht: feind wären ihm die Götter, es hasse ihn der Hellenen Heer, es hasse ihn ganz Troja und diese Ebenen, ³) sie, der Schauplatz auch seiner letzten im Wahnwitze verübten That. Fähig also waren die Alten, war Sophokles auch zu sol- chen Gefühlen; aber ſester als wir umschmürten sie mit dem Bande nüchterner Besonnenheit ihr Herz, in schmelzenden Empfindungen, in unbestimmter Sehmsucht zu zerfliessen und zu vergehen ge-

stattete ihre rüstigere Natur ihnen nicht. Mlehr frischer und kräftiger Art war ihr Naturgefühl; *