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rallellaufenden Anschauungen und Bilder, durch die der Dichter das Geistige verkörpert, dem Gedanken Gestalt, sinnliches Leben und damit erst die rechte Macht und Gewalt„ den seelen- beherrschenden Zauber, verleiht. Hier zeigt es sich denn nun am Allerdeutlichsten, wohin das Ge- müth, wohin die Phantasie des sonst durch die Natur seines Stoffes in seiner Thätigkeit bestimmten Dichters ursprünglich sich neigt, sein eigenthimlicher Gesichtskreis, dessen bestimmte Begrenzung in seinem individuellen Standorte ihren Grund hat, zeichnet sich hier in den schärfsten Umrissen ab; welche Bilder, welche Anschauungen er am liebsten wählt, mit der liebevollsten Sorgfalt ausführt, mit den glänzendsten Farben schmückt unter den unzähligen, die Natur, Kunst und Leben dem Mlenschengeiste darbieten, danach wird über das Eigenthümliche seiner Weltanschauung, das Indi- viduelle seiner Sympathieen, die ganze Richtung seines Geistes und Gemüths am Sichersten sich ent- scheiden lassen.—
Aber weder Leben und Geschichte noch die Kunst vermögen dem Dichter eine gleiche Fülle gleich wirksamer Bilder zu gewähren wie die Natur. Die Geschichte und das äussere Leben nicht, denn aus ihnen nimmt der Dichter seine Stoffe selbst, ihnen entlehnt er die erste Reihe von Vorstellungen, die er vor unserem Geiste vorüberführen, durch die er auf uns wirken will, zu nahe stehen hier Bild und Gedanke einander; aus demselben Grunde aber auch die Künste nicht, die Künste im weiteren Sinne des Worts; denn sie, die Kinder des Lebens und der Geschichte, deuten zu offenbar hin auf ihren Ursprung, erfüllen immer wieder mit Vorstellungen, die jenem Kreise an- gehören, die Seele. Nein, es suchet der Geist sein Gegenbild, das er selbst sei und doch ein An- deres, und dies findet er nur in der Natur. Eine unendliche Fülle urkräftiger, ursprünglicher, selbständiger Gedanken sieht er hier festgebannt in die Stille gediegener, in sich geschlossener und doch ein Princip lebendiger Entwickelung in sich tragender Gestalten, er erkennt sich selbst wieder, doch befreit von der Unruhe seines schwankenden, träumenden, von einem Gegenstande zum andern unstet hin und her irrenden Denkens; wie eine ursprüngliche, durch lange Abwesenheit fast zur Fremde gewordene, aber bald wieder erkannte Heimat begrüsst ihn die Natur. Keinen grossen Dichter daher hat es gegeben, der nicht die Natur geliebt hätte„ den nicht auch eine grossartigere, frischere und kräftigere eigenthümliche Naturanschauung über das Gewöhnliche erhoben hätte.
Nun könnte mir freilich, wenn ich, wie früher schon angedeutet worden, Sophokles zum Gegenstande meiner Betrachtung mache, seine Naturanschauung also zu entwickeln unternehmen will, leicht der Einwurf gemacht werden, dass ja die Alten überhaupt und so auch die Dichter un- ter ihnen bekanntlich die Natur fast durchgängig ziemlich kalt gelassen habe, dass von Naturschil- derungen daher wenig und nur Unbedeutendes bei ihnen zu finden sei, von der sehnsuchtsvollen, lie- beglühenden Versenkung in ihre geheimnissvollen Tiefen, die mit zu den schönsten und höchsten Rei- zen der neueren und neuesten Poesie gehöre, fast keine Spur; wesshalb denn natürlich auch auf ihre Naturanschauung kein besonderes Gewicht zu legen, ihr nicht viel geistiger Gehalt abzugewinnen sei. lch will hierauf nicht eutgegnen, dass vielmehr ein weit innigerer Verkehr, ein weit vertrauteres Verhältniss zu der Natur für die Dichter des Alterthums sich beweisen lasse aus dem Na- turgemässen, der strengen Gesetzmässigkeit, der gediegenen Vollendung ihrer Werke; denn wenn diese höchste Dichtergabe, die innere Bildungskraft, das Talent zu gestalten und zu organisiren, im Grossen und im Kleinen, nach denselben Gesetzen hier wie dort, allerdings Natur, eine Naturkraft


