Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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ttanenartigen Kriegergeist, ein Euripides seinen skeptischen Forscher- und Grüblersinn, ein Dritter die glorreich alle Schrecken der Nacht besiegende Sonnenhelle eines priesterlichfrommen Gemüths. Eben desshalb aber kann wohl einer der erste, keiner aber der einzige Meister, der einzige echte Genius sein in seiner Kunst. Denn wer möchte z. B. behaupten, dass nur die eine oder nur die andere Gabe sich eigne für den echten Tragiker, dass das Eine oder das Andere, ein Krieger oder ein Philosoph, oder keins von Beiden, ein Drittes, ein Viertes, etwa ein Schauspieler, wie Shake- speare, der sein müsse, der in der Tragöõdie den Preis erringen wolle? Und doch waren Krieger, Philosoph, auch wohl Priester und Schauspieler, nicht etwa bloss äusserliche Bestimmtheiten derer, die als solche im Leben hervortraten, sondern im Innersten ihrer Individualität war die Richtung, die sie im Leben verfolgten, begründet; meist ist es die Eigenthümlichkeit des Menschen selbst, insofern sie erscheint, die ich bezeichne, wenigstens andeutend bezeichne, wenn ich sein äusseres Leben schildere, seine Stellung, seinen Wirkungskreis im Leben nenne. Ist dies nun aber das sichere End-Ergebniss aller unserer Erwägungen, dass nur die liebevolle Versenkung in das Inner- ste des eigenthümlichen Wesens eines grossen Dichters, eines grossen Künstlers, keinerlei abstrakte, allgemeine Kunstbetrachtungen, zu einem richtigen Verständnisse seines Genius uns zu führen ver- mögen, welchen Werth erhalten damit in unseren Augen auch die scheinbar geringfügigsten Unter- suchungen, insofern sie irgend einen Zug in diesem Bilde einer grossen Dichterindividualität uns zu erhellen, in ein schärferes Licht zu setzen im Stande sind, und wie wenig darf auch ich besorgen, wenn ich, obwohl nur von einer Seite, die dichterische Eigenthümlichkeit eines der gröss- ten, ja wohl des grössten unter den Tragikern des Alterthums, des hohen Sophokles, zu be- leuchten unternehme, einer unnützen und unverdienstlichen Arbeit mich unterzogen zu haben. Um aber von der Kigenthümlichkeit eines Dichters eine bestimmte Ansicht sich zu bilden, wird man vor Allem freilich die erste und wichtigste dichterische Thätigkeit, die der Erfindung oder, in- sofern der Stoff gegeben ist, die der künstlerschen Organisation des Stoſfes ins Auge zu fassen haben, eine Untersuchung, die in den Fällen zumal, wo mehrere grosse Dichter ein und denselben Stoft behandelt haben, wofür es an Beispielen bei den griechischen Tragikern bekanntlich nicht fehlt, zu recht befriedigenden Resultaten führen kann, sonst aber ihre grossen Schwiérigkeiten hat, weil dann in den meisten Fällen kaum mit einiger Sicherheit ausgemittelt werden kann, in wie weit der Dichter seinen Stoff gebildet und geformt überkommen, in wie weit er selbst der Bildner desselben zu nen- nen ist. Eben so verhält es sich auch bei den Tragikern des Alterthums namentlich mit der Cha- rakterdarstellung in ihren Stücken. Auch hier liegt meist ein fester aus der alten Sage und der frühe- ren Poesie stammender Typus den Charakterbildern des Dichters zum Grunde, von dem in wesentli- chen Punkten nicht wohl abgewichen, der nur feiner ausgebildet werden kann, wesshalb auch da, wo alte Zeugnisse uns nicht im Stiche lassen, doch immer wenigstens schon ein besonders scharfes und geübtes Auge dazu gehört, um zu erkennen, wie viel dabei als eigne Arbeit des Dichters zu petrachten ist. Aus der Handlung und den Charakteren aber spriesst Wie aus zwei mächtigen Wur- zeln die ganze Gedankenwelt des Dichters empor, so dass auch diese wenigstens nicht als ein ganz freier Erguss seiner schaffenden Thätigkeit betrachtet werden kann. Aber es gibt ein Gebiet, auf welchem dem Dichter mit beinah vollkommener Freiheit zu walten vergönnt ist, eine Welt von Vor-

stellungen, die er ganz als sein Eigenthum in Auspruch nehmen kann, die den Gedanken pa-

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