Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
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den entschieden besten zu bezeichnen, genau vorzuzeichnen, keine Theorie mit sichierer Hand die schmale Linie zu ziehen, diesseits und jenseits welcher das Rechte nicht zu bestehen vermag. Diese schmale Linie, diesen oft auf schwindelnder Höhe zwischen Abgründen dahinführenden Felsenweg zeigt dem Künstler nur sein Genius, dem einen diesen, dem andern jenen, je nachdem ein kühnerer, wagender oder ein. ruhigerer, maasslicbender Geist in ihm wohnt. Nur das Genie vermag es aus den Stoffen, welche die Theorie ihm nachweiset, mit der unbestimmten Anweisung so sie zu mischen, dass die oder die Wirkung damit erzielt werde auch die vollkommenste Theorie vermag nicht mehr den echten Zaubertrank, in dem das richtige Maass aller Ingredienzien getroffen ist, zu be- reiten, und wenn der Eine nun kräftiger, der Andere etwas milder und lieblicher ihn braut, beide aber heilen und erquickeu durch ihn das verwundete Herz, wer möchte da nur in dem Einen den Arzt erkennen, den Meister seiner Kunst, und einen Pfuscher schelten den, der für seinen Ge- schmack etwas zu gelind oder zu kräftig den Trank gebraut?

Das also ist das Verhältniss der Theorie zu dem schaffenden Genius. Die Idee der Kunst aber, der Kunst im Allgemeinen und jeder besondern Kunst, sie freilich, die etwas ganz Anderes ist als irgend eine Kunsttheorie, denn sie ist die Kunst selbst ihrem wahren Wesen nach, in ihrer ganzen überschwenglichen Fülle und Mannigfaltigkeit, ihrer nie versiegenden Schö- pfungskraft, sie steht hoch über dem einzelnen Künstler in seiner begränzten Individualität; denn wie könnte sie sich einem Einzelnen zum Eigenthum geben mit dem ganzen Reichthum ihrer innern Unendlichkeit? Nein, wen ihr lebendiger Hauch begeistert, der tritt freilich hinzu und schöpft aus ihrer Quelle mit nie zu stillender Begier, aber auszuschöpfen vermag die Quelle keiner, immer neue, immer wunderbarere Gaben schöpft der Menschengeist aus diesem unversiegbaren Born, je tieſer er hinabsteigt in seine Gründe; sie selbst aber, die Göttin, die in der Tiefe ruht in krystall- nem Zauberpalast, sie steigt nie herauf, keiner schaut sie, nur den Wiederschein ihrer himmlischen Züge in glücklichen Momenten der Eine und der Andere.

Das allein ist die rechte, die Würdige Ansicht von dem Verhältnisse des Künstlers zu seiner Kunst, und wer wäre ein Meister geworden in seiner Kunst, der sie nicht gehegt, dem seine Kunst nicht um so unergründlicher erschienen wäre, je vertrauter er mit ihr wurde, je tiefer sein Blick in ihre innere Werkstätte drang?

Nicht abstrakten, allgemeincen Betrachtungen desshalb erschliesst sich das Verständniss grosser Genien, der Meister und Heroen in der Kunst, ein jeder von ihnen ist, Was er ist, in Folge seiner bis ins Unendliche, bis ins Kleinste und Feinste bestimmten Individualität, seiner scharf begränzten Eigenthümlichkeit. Das Klassische, das Mustergiltige allerdings ist es das Gesetzmässige, das, was den Forderungen der Kunst am Vollständigsten entspricht; aber das wirkliche Individnum, der pestimmte Dichter und Künstler, gesetzt auch er hätte als Einzelner das Vollendetste geleistet, was innerhalb der Gränzen seiner Kunst sich nur irgend leisten lässt, ist nie der konkret- und lebendig- gewordene Begriff seiner Kunst selbst, den Schwerpunkt seines Daseins hat er in sich, nicht in der Kunst, der er sich ergibt; denn das Talent, das mit unwiderstehlicher Gewalt in diese Richtung ihn zieht, ist nicht er selbst, er ist nicht Künsiler allein, sondern ein voller und ganzer Mensch; was er als Mensch ist, stellt er dar als Künstler, in so weit die Begränzung seiner Kunst es ihm erlaubt, und gerade darin ruht der stärkste Zauber seiner Werke, ein Aschylus seinen löwenmuthigen,