Aufsatz 
Über Sophokleische Naturanschauung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

wickelungsgang verfolgen, dass die Idee der einzelnen Kunst in mehrfachen Phasen sich darzustel- len hat, dass sie selbst sich entschieden dagegen sträubt in der Form abstrakter Einheit festgehalten zu werden; und schon deshalb also wird nicht wohl in einem Individuum der Vollgehalt der Idee einer ganzen Kunstgattung sich ausprägen können.

Nun könnte man freilich, um zunächst bei der Tragödie stehen zu bleiben, einwenden, dass wenn auch diese Dichtungsart in ihrer geschichtlichen Entwickelung allerdings in die Gegensätze des Antiken und Romantischen sich zerspalten habe und deshalb nicht von einem, sondern von zwei Kulminationspunkten ihrer bisherigen Entwickelung die Rede sein müsse, die höhere Aufgabe, die noch zu lösen sei, nun doch in einer Vereinigung der Gegensätze, in einer Verschmelzung des Anti- ken und Romantischen in der Tragödie bestehe, wonach denn auch der höchste Preis iu der tragi- schen Poesie erst einem Dichter künftiger Zeiten würde zuerkannt werden können. Nur befürchte ich, dass ein solcher Shakespeare-Sophokles, der doch auch die christliche und antike Weltan- schauung in sich vereinigen müsste, mit noch weit grösserem Rechte ein leeres Phantasiegebilde ge- nannt werden möchte, als ein das Homerische bei gleicher Simplicität und Objektivität an Erhaben- heit und Tiefe übertreffendes Epos.

Ein doppeltes Ergebniss also hätten wir schon durch diese nur flüchtige, bloss auf das Aner- kannteste hinweisende historische Betrachtung gewonnen, erstens dass keineswegs in jeder Kunst- gattung immer ein Künstler als der erste, der vollkommenste, dem kein anderer an die Seite ge- stellt werden könne, dastehe; zweitens dass, auch wo dies der Fall sei, doch keineswegs immer nur geringere Vollkommenheiten oder entschiedene Unvollkommenheiten es sind, durch welche die ihm zunächststehenden von ihm sich unterscheiden, sondern dass auch diese eigenthümliche, mt dem Begriffe der Kunst, in der sie sich auszeichnen, sehr wohl vereinbare Vorzüge in sich schliessen, Vorzüge, die nur deswegen nicht hinreichen ihnen den ersten Rang in ihrer Kunst zu sichern, weil entweder auch um so grössere, hervorstechendere Mängel sich mit ihmen vereinigen, oder weil es Vorzüge von geringerér Bedeutung, von nicht so entscheidendem Einflusse auf die Realisirung der Idee der Kunst sind wie die, um derentwillen jenen der erste Rang zugestanden wird. Auch war es uns, was als eine Erweiterung des ersten Satzes zu betrachten ist, wenn auch nicht durch historische Betrachtung gewiss, so doch höchst wahrscheinlich geworden, dass überhaupt Künstler, die irgend eine Gattung der Kunst so repräsentiren, dass ihre höchste mögliche Vollendung in ihnen sich dar- stelle, nicht nur höchst selten existirt haben, sondern auch der Natur der Sache nach nur sehr selten hervortreten können, weil in den Entwickelungsgang der Menschheit natürlich auch die Künste mit aufgenommen sind; was denn die Folge hat, dass ein und dieselbe Kunst in verschiedenen Perioden so verschiedene Aufgaben sich stellt, dass eine Vergleichung zwischen denen, welche mit dem entschie- densten Glück die eine und die andere gelöst, aus der eine Unterordnung des einen unter den ande- ren folgen würde, sich durchaus nicht durchführen lässt. In einzelnen Kunstgattungen nur, dies musste man hier allerdings eingestehn, sei es hochbegabten Künstlern möglich geworden einen ent- schiedenen Primat zu erringen, in denen, deren Blüte eben an eine bestimmte Entwickelungsperiode der Menschheit gebunden sei, mit ihr nothwendig verschwinde. Aber wie, gerathen wir nicht hier in einen unauflösbaren Widerstreit mit uns selbst? Oder wie reimen sich die jetzt aufgestellten Be- hauptungen mit dem früher Festgestellten, dass jede Kunst ein bestimmtes Ziel habe, nur eine Rich-