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So möge denn immerhin dem Vater der Poesie, dem göttlichen Homer, die Ehre bleiben den ersten Platz unter den epischen Dichtern aller Zeiten, Zonen und Nationen einzunehmen; denn ein klareres, wahreres, vollständigeres, harmonischeres Bild einer gleich bedeutsamen, in gleichem Maasse durch frische, ungeschwächte Jugendkraft dem poetischen Sinne zusagenden Periode der Menschheit hat uns kein Dichter gegeben, in keinem prägt sich das Reinmenschliche stärker, treuer und unverfälschter aus als in ihm; aber dass die Idee des Epos selbst in ihm erschienen wäre, dass das Epos, was es bei ihm war, immer sein und bleiben sollte, dass jeder andere Weg, der von Anderen nach oder auch vor ihm oder gleichzeitig mit ihm(ich denke an die Epiker der Indier) eingeschlagen wurde, als eine blosse Abirrung von dem Ziele zu betrachten sei, werden wir nicht zugeben können. Doch zu einem recht befriedigenden Resultate will uns die Betrachtung des Epos doch immer noch nicht führen; denn immer bleibt zu befürchten, dass viele sich davon nicht werden überzeugen wollen, dass jene Vorzüge, von denen wir behaupten, dass sie das Epos recht wohl sich aneignen könne, während sie doch bei Homer vermisst würden, wirklich mit der Idee und Be- stimmung desselben vereinbar wären, dass es wirklich, ohne seinen objektiven, plastischen Charak- ter auſzugeben oder an nationaler Bedeutung, an echter Volksthümlichkeit einznbüssen, sich viel von ihnen würde aneignen können, dass unser Ideal eines nachhomerischen Homer übertreffenden Epikers demnach, in den Augen Vieler nicht mehr als ein leeres und luftiges Scheingebilde sein werde. Das Epos ist eben, würden diese vielleicht sagen, eine rein antike Dichtungsart, so gut Wie die Plastik eine antike, von den Neueren nur in Nachahmung der Alten mit Erfolg ausgebildete Kunst; unter den Epikern des Alterthums aber hält keiner den Vergleich mit Homer aus; warum sollten wir also die realisirte Idee des Epos selbst in Homer zu verehren Bedenken tragen?
Aber gesetzt auch, dass es mit dem Epos sich wirklich so verhielte, dass wirklich Homer der einzige echte Epiker Wäre, dass nur ein Grieche, nur ein Grieche jener Zeit, nur eben ein Homer, ein wahres Epos schaffen konnte, dass also wirklich hier der Begriff, der lebendig erfasste Begrifl, der Kunstgattung an sich selbst gerade auf einen Homer, auf Epopöen wie die seinigen, Dichtungen gerade dieses Inhalts, dieser Form, uns führen, gerade zu dieser Bliüte sich mit innerer Nothwendig- keit entfalten sollte, dass also diese Poesien ihren Reiz und ihre Macht nur ihrer Vollendung, ihrer vollkommenen Uebereinstimmung mit der Idee der Kunst, dem wenn gleich fasst bewusstlos doch mit vollster Energie in ihnen Waltenden Kunstgeiste selbst, nicht einer innerhalb der Schranken ihres Kunstgebietes doch mit selbstständiger Kraft, in freiester Eigenthümlichkeit wirkenden menschlichen Individualität ihres Urhebers, die sich in ihnen offenbare, zu danken hätten: gilt dasselbe deshalb auch sogleich von allen Arten von Dichtungen, allen bewunderten Kunstwerken überhaupt? Gewiss nicht; wie ganz anders verhält es sich vielmehr gleich mit der dem Epos zunächst stehenden Gat- tung, dem Drama, und zwar der Komödie eben so wohl wie der Tragödie.
Denn sollte man auch unter den Dichtern des Alterthums Sophokles den Primat zuzuerkennen geneigt sein, Wird man es auch wagen Shakespeare ignorirend in ihm den ersten, ja einzigen Meister in der tragischen Poesie, den, in dem die Idee der Tragödie sich vollständig realisirt habe, z2u preisen? Eben so wenig, wie das Lustspiel es dulden würde, wenn man nur in Aristophanes, nicht auch in Shakespeare und anderen Neueren, den Repräsentanten der höheren Komik anerkennen wollte. Hier nun zeigt es sich deutlich, dass die Künste im Laufe der Zeiten einen lebendigen Ent-


