der Kunst gedacht werden können. Denn wenn die Künste um der Menschen Willen da sind, auf das menschliche Gemüth einzuwirken alle höhern Künste sich zum Ziele setzen, jede einzelne Kunst ferner ihr bestimmtes, durch die Eigenthümlichkeit ihrer Mittel bedingtes Ziel hat, eine bestimmte Einwirkung auf das menschliche Gemüth üben will, das Ziel aber auch den Weg, der einzuschlagen ist, bestimmt, so dass unter allen mäglichen Wegen zum Ziele doch immer einer der beste sein muss, der, welcher der kürzeste, sicherste und anmuthigste zugleich ist oder diese drei Eigenschaf- ten in mäglichst hohem Grade in sich vereinigt, wird da nicht immer auch nur einem Künstler, eben dem, der das Ziel, das seine Kunst im Auge hat, vollständig erreicht, sei dies nun einer, der wirklich existirt hat oder der bis jetzt nur gedacht, der noch erwartet wird, das Prädikat wahrer Klassicität und Mustergiltigkeit zugestandon werden können? In der That scheint auch selbst die Erfahrung, die Geschichte für diese Monarchie im Reiche der Geister auf dem Gebiete der schönen Künste zu stimmen. Denn wie, haben wir nicht gleich in dem ältesten der Dichter, aller derer wenigstens, über deren poetisches Verdienst eine bestimmte Ansicht sich gebildet und allgemeine Anerkenntniss gefunden hat, in Homer, den augenscheinlichsten Beweis dafür in Händen? Ist nicht Homer wirklich die lebendig gewordene, konkrete Idee des Epos selbst? Gibt es einen Epiker irgend einer Nation, der ihm an die Seite gestellt zu werden verdiente und ist nicht abirren von dem Wege Homer's und abirren von den eigenthümlichen Gesetzen und Kunstforderungen der Gattung, die er geschaffen, ein und dasselbe? Gewiss eine Arguinentation durch Beispiele, der man sich leicht gefangen geben könnte. Aber abgesechen davon, dass ein Beispiel doch immer nur die Mög- lichkeit der absoluten Congruenz der allgemeinen Idee und Gesetzmässigkeit einer Kunstgattung und des Genies eines einzelnen Künstlers beweisen könnte, ohne dass, was für diesen Fall, für diese Gattung gilt, allgemeine Giltigkeit zu haben brauchte: sollte es denn Wwirklich sich ganz so verhal- ten, wie panegyrische Epigramme freilich schon im Alterthume verkündeten, dass den einen Homer schaffend die schöpferische Natur— wenigstens in dieser Richtung— sich erschöpft hätte, dass neue Lebenskräfte für Andere, die nach ihm denselben Weg betreten wollten, ihr nicht übrig ge- blieben wären? Ich will hier nicht untersuchen, in wie weit man Grund habe Horaz Recht zu geben mit seinem doch auch bisweilen schlummernden Homerus, nicht die kritischen Bedenken gegen die ursprüngliche Einheit der Homerischen Epopéen, zumal der Ilias, als Belege der Unvollkommen- heit auch dieser Schöpfungen des Menschengeistes anführen,— denn hier einen Flecken, dort ein Maal kann man sich wohl leicht von einem Antlitze hinwegdenken und das wahrhaft Schöne lei- det nur wenig durch solche ganz äusserliche und geringfügige Mängel;— aber die Frage werfe ich auf, ob nicht auch mit der Natur des Epos, allerdings der objektivsten, der Plastik am nächsten stehenden unter den Dichtungsarten, doch noch eine ganz andere Tiefe und Innigkeit des Gottbe- Wusstsein's, des religiösen Gefühls, eine tiefsinnigere Weltanschauung, ein ganz anderes Zusammen- brennen von Himmel, Erde und Hölle zu einem wunderbareren und bedeutsameren Farbenspiele sich verträgt, recht wohl sich verträgt, als Homer, als ein griechischer, ja ein antiker Dichter überhaupt mit ihr verträglich finden konnte? Gewiss es waren keine dem Epos an sich fremdartigen Elemente, mit denen die indische Poesie, mit denen ein Dante, ein Milton, die doch auch zu gestalten, ihren tiefsinnigen Ideen eine feste Form, einen handgreiflichen Körper zu geben verstanden, zumal der grosse italiänische Dichter, diese Dichtungsart bereichert haben.
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