Ueber Sophokleische Naturanschauung.
Da echte Kunst hat auch das mit der Natur gemein, dass man ihrer nie müde wird, dass ihre Werke zu immer erneuter Betrachtung einladen, dass eine unversiegbare Quelle geistigen Genusses und geistiger Erhebung in ihnen strömt. Worin aber liegt dieser Reiz, worauf beruht diese Anzie- hungskraft, welche die Meisterwerke der Kunst auf uns ausüben? Eine Frage, die manchem ziem- lich überflüssig erscheinen wird, denn dass das Schöne gefällt, allgemein gefällt, dem reinen und gebildeten Sinne immer gefällt, jeden Empfänglichen immer wieder von Neuem begeistert und ent- zückt, wer sollte darin etwas Auffallendes finden, was erst durch ausführliche Erörterungen erklär- bar und begreiflich gemacht Werden müsste? Eben die Schönheit aber, die Vortrefflichkeit, die Mustergiltigkeit solcher Werke ist es doch ohne Zweifel, durch welche sie eines dauernden Beifalls, der allgemeinsten Anerkennung gewiss sind. Aber ich frage weiter. Echte Kunstwerke sind Er- zeugnisse des Genies, einer nach nothwendigen Gesetzen ohne klares Bewusstsein des Gesetzes im Geiste des Menschen wirkenden schöpferischen Naturkraft. Wie aber? ist es das allgemeine Gesetz selbst, das gleichsam verkörpert waltet und schafft in dem vollendeten Künstler, das sich selbst vollzieht, sich selbst erfüllt in und durch das Genie, so dass in den grössten Genien, den echten Reistern im Gebiete der Kunst, nur eben die Idee der Kunst selbst, zunächst natürlich in dem Einzel- nen die Idee der bestimmten Kunst, in deren Ausübung er seinen innern Beruf erkennt, in der ganzen Vollendung ihrer innern Gesetzmässigkeit auf das Reinste, Treuste und Vollständigste sich ausprägt? Oder ist das Genie mehr, überhaupt etwas ganz Anderes, als das erfüllte, das sich selbst erfüllende allgemeine Gesetz, ist der gewaltige, der schöpferische Geist mehr, etwas ganz Auderes, als der blosse Träger einer Idee, ist es neben dem Reize, der imponirenden Macht erhabener Ge- setzmässigkeit auch noch ein anderer, diesem gewissermassen entgegengesetzter Reiz, der Reiz einer frei wirkenden, nur sich selbst darstellenden, nur dem innern Gesetze der eigenen Natur gehorchen- den menschlichen Eigenthümlichkeit, auf welchem die erhebende und begeisternde Kraft vollendeter Kunstschöpfungen beruht? Ich nehme an, das Erste sei das Richtige; welche Consequenzen ergeben sich aus dieser Ansicht? Zunächst die, dass jede Gattung der Kunst nur einen echten Repräsen- tanten haben kann, dass nicht mehrere MMeister im höchsten Sinne des Wortes auf demselben Gebiete 1*


