Aufsatz 
Das zweite Buch und die erste Hälfte des vierten Buches der Georgika von P. Vergilius Maro
Entstehung
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In der Überſetzung dieſes Verſes iſt es der Ausdrucklangwindender Schlangen, an welchem ich Anſtoß nehme. Was ſoll mit denlangwindenden Schlangen bezeichnet werden? Sollen damit Schlangen gemeint ſein, welche ſich in langen Windungen(Spiris) auf der Erde fortbewegen wie die rieſigen Schlangen tropiſcher Länder, von welchen Vergil in der herrlichen Beſchreibung Italiens Vers 153 und 154 ſagt, daß ſie in ſeinem Vaterlande nicht anzutreffen ſind? Die Verſe aber lauten:

Nec rapit immensos orbis per humum, neque tanto Squameus in spiram tractu se colligit anguis.

Derartige Schlangen ſind aber in dem weiter oben citierten Verſe mit denlongis colubris gewiß nicht gemeint. Dafür ſpricht ſchon der Gebrauch des Wortescoluber, welches immer nur eine kleine Schlangenart bezeichnet, Schlangen, wie ſie diecandida avis, der Storch, wohl ſchnabelgerecht finden kann. Warum ſpricht aber der Üüberſetzer vonlang windenden Schlangen und erweckt ſo in uns die Vorſtellung, als ob ſolche rieſige Schlangen gemeint wären, wie jene, von welchen in der Beſchreibung von Italien die Rede iſt? Ich glaube, aus keinem anderen Grunde, als weil das Wortlangwindender ſich, wenigſtens in dem letzten Teile ſeiner Zuſammenſetzung, in einem Hexameter beſſer verwenden läßt, als das einfachelongis, welches Voß mitlangwindend überſetzt.

In der ſchon mehrmals erwähnten Beſchreibung des Frühlings handelt der Dichter auch von der Vermählung des Himmels(Äthers) und der Erde. Wir finden hier eine Stelle, welche lautet:Tum pater omnipotens fecundis imbribus Aether

Conjugis in gremium laetae descendit.

In dieſem Verſe hat Voß die Wortelaetae conjugis überſetzt mitlüſternen Gattin, was ich für eine unrichtige Übertragung halte. Wenn Vergil in ſeiner Beſchreibung des Frühlings hätte dasjenige ausdrücken wollen, was wir mitlüſtern bezeichnen, ſo hätte er ein anderes Wort gewählt alslaetae, welches gar nicht die Bedeutunglüſtern hat. Lüſtern iſt eine Bezeichnung, paſſend für Faune und Satyrn, aber nicht verwendbar, wenn von der Mutter Erde geſprochen wird, und namentlich nicht am rechten Platze in dieſer Stelle, in welcher von Anfang bis zu Ende eine feierliche, faſt religiöſe Stimmung herrſcht. Warum hat nun aber Voßlaetae mitlüſternen überſetzt? Vielleicht doch aus keinem anderen Grunde, als weillüſternen ſich ſo ungeſucht als ein guter Daktylus darbot.

Der folgende Vers, den ich beſprechen will, befindet ſich im vierten Buche der Georgika; es iſt Vers 174. Er lautet im Original:

Illi inter sese magna vi brachia tollunt.

Die Überſetzung lautet:

All' itzt, froh Wettſchwungs, kraftvoll rings, heben die Arm' auf.

Der lateiniſche Vers hat immer für einen Muſtervers gegolten, und wird immer für einen ſolchen gelten. Durch die Häufung der Spondeen und durch den ganzen Bau des Verſes verſinnbildlicht uns der Dichter die Thätigkeit der Cyklopen in einer Weiſe, wie es ein Maler durch Farben kaum beſſer imſtande ſein würde. Voß hat in ſeiner Überſetzung