Aufsatz 
Das zweite Buch und die erste Hälfte des vierten Buches der Georgika von P. Vergilius Maro
Entstehung
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Sprache Gewalt anzuthun. Er muß ſie recken, er muß ſie ſtrecken; er muß mit ihr dieſelbe Operation vornehmen, welcher der Räuber Procruſtes die attiſchen Wanderer unterwarf. Dies hat denn auch Voß gethan, und dieſes will ich jetzt zu beweiſen ſuchen, indem ich einige Verſe aus ſeiner Überſetzung der Georgika citiere und dieſelben einer mehr oder weniger ausführlichen Beſprechung unterwerfe. Ich beginne mit einem Verſe, in welchem der Üüberſetzer eine licentia poetica hat walten laſſen, die an das Unglaubliche grenzt.

Vers 238 in dem zweiten Buche der Georgika lautet im Original:

Salsa autem tellus et quae perhibetur amara

Voß überſetzt dieſen Vers, wie folgt:

ber ein ſalziges Land, und das man bitteres angiebt.

Die Überſetzung dieſes Verſes iſt für jemand, der bloß das Deutſche verſteht, abſolut unverſtändlich. Nur derjenige, welcher ſich das Penſum im Latein bis Untertertia angeeignet hat, kann wiſſen, welches Wörtchen bei der Überſetzung vonperhibetur amara im Deutſchen hinzugedacht werden muß, um einen Sinn in der Stelle zu finden.

Vers 328 in der ſchönen Beſchreibung des Frühlings in demſelben Buche der Georgika lautet bei Vergil:

Avia tum resonant avibus virgulta canoris.

Die Überſetzung lautet:

Jetzo erſchallt einödes Gebüſch von melodiſchen Vögeln.

Der lateiniſche Vers iſt unübertrefflich ſchön. Er erregt in dem Leſer die Stimmung, in welche wir uns verſetzt finden, wenn wir in der Friſche eines Frühlingsmorgens durch einen Wald ſchreiten und uns von allen Seiten aus hundert Kehlen das Konzert der befiederten Sänger entgegenſchallt. Voß hat ſich bemüht, den Wohlklang des Verſes möglichſt nachzuahmen; aber er hat es nicht thun können, ohne ſich an der deutſchen Sprache ſchwer zu verſündigen. Die Überſetzung vonavia virgulta durcheinödes Gebüſch iſt nicht zu rechtfertigen. Wir beſitzen in unſerer Sprache wohl das WortEinöde, aber kein Eigen⸗ ſchaftswort, welches dem Hauptworte ganz gleich wäre; ja ich glaube, wir beſitzen überhaupt kein Eigenſchaftswort vonEinöde. Es iſt mir indes rätſelhaft, warum Voßavius nicht mitentlegen überſetzt hat, was ſeine eigentliche Bedeutung iſt und ſich in dieſer Bedeutung auch wohl bequem im Hexameter hätte verwenden laſſen. Ich glaube aber, der Grund war folgender: Voß wollte durch ſeine Üüberſetzungeinödes eine gewiſſe Ähnlichkeit des Klanges mitmelodiſchen erzielen, um dasavia tum resonant avibus im Original nachzuahmen; ein allerdings ziemlich erfolgloſes Streben, da Voß, wenn das, was ich vermute, ſeine Abſicht war, ſtattmelodiſchen hättemelödiſchen oder ſtatteinödes hätteeinodes ſchreiben müſſen.

Vers 320 lautet im Original:

Candida venit avis longis invisa colubris.

Die Überſetzung lautet:

Kam der weißliche Vogel, das Graun langwindender Schlangen.