Vorrede.
Es gehört, wie mir mancher einräumen wird, eine gewiſſe Dreiſtigkeit dazu, ein Gedicht aus dem klaſſiſchen Altertum, wie die Georgika des Vergil, in einem Metrum zu überſetzen, wie dasjenige iſt, welches ich für die überſetzung dieſes Gedichts gewählt habe. Mir iſt nämlich wohl bekannt, daß der größte Teil der Philologen der Anſicht iſt, ein Gedicht aus der klaſſiſchen Zeit könne in zweckentſprechender Weiſe nur in dem Versmaße des Originals überſetzt werden. Wenn mir aber dieſe Anſicht bekannt war, ſo könnte mich jemand fragen, warum ich für meine Arbeit nicht den Hexameter gewählt habe. Ich würde auf dieſe Frage antworten: Erſtens, weil ſchon ſo viele Üüberſetzungen in dieſem Metrum vorhanden ſind; und zweitens, weil von den vorhandenen, die ich kenne, mich keine vollſtändig befriedigt hat. Das, was ich hier ausgeſprochen habe, findet ſeine Anwendung auch auf den berühmteſten Überſetzer klaſſiſcher Werke in dem Versmaße des Originals, auf Johann Heinrich Voß, denjenigen Mann, welcher einige Verſe geſchrieben hat, die ſich durch Bücher und Tradition von Generation zu Generation fortgepflanzt haben, wie z. B. der berühmte Vers:
„Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückiſche Marmor“.
Indeſſen muß ich hier ſogleich bemerken, daß nicht alle Verſe des berühmten Über⸗ ſetzers als gleich gelungen zu betrachten ſind; manche müſſen ſogar als entſchieden mißlungen bezeichnet werden, eine Behauptung, die ich zu beweiſen nicht unterlaſſen werde. Jedoch muß ich die Bemerkung vorherſchicken, daß die Schuld des Mißlingens nicht ausſchließlich dem Überſetzer zur Laſt gelegt werden darf, ſondern auch dem Umſtande zugeſchrieben werden muß, daß eine völlig getreue Ubertragung eines lateiniſchen Hexameters in einen guten deutſchen Hexameter in den meiſten Fällen eine Sache der Unmöglichkeit iſt, und zwar aus Gründen, die jeder, der etwas Latein verſteht, leicht einſehen wird. In einem lateiniſchen Hexameter findet ſich nämlich meiſtenteils ein etwas größerer Gedankeninhalt niedergelegt, als in dem gleichnamigen deutſchen Verſe bequem ausgedrückt werden kann, und zwar deshalb, weil die lateiniſche Sprache in ſehr vielen Fällen mit einem etwas geringeren Wortapparat daſſelbe ausdrücken kann, wozu wir einen etwas größeren verwenden müſſen. Wenn nun ein Überſetzer einen lateiniſchen Hexameter möglichſt getreu in einen gleichnamigen deutſchen Vers übertragen will, ſo ſieht er ſich gewöhnlich in die Notwendigkeit verſetzt, der deutſchen


