Aufsatz 
Einfluß Kleon's auf die Politik Athens
Entstehung
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der fröhlichen Beweglichkeit über die ernſte Stetigkeit, des witzigen Einfalls über die Sitte, der Demokratie über die Ariſtokratie, oder dieſer über jene erreichen zu können ſchien.¹)

Denn nicht allein die Stämme und Städte, die im offnen Kampfe gegen einander waren, zerriſſen ſich mit wilder Wuth, ſondern auf vielen Punkten Griechenlands war in den Stämmen und Staaten ſelbſt wieder ein nicht minder entſetzlicher Kampf, der Kampf zwiſchen Ariſtokraten und Demokraten. Wer dort der ariſtokratiſchen Staatsform hold war, ſchloß ſich mit ſeinen Neigungen den Spartanern an, wer der demokratiſchen, den Athenern, und dieſe große Spal⸗ tung erfüllte die griechiſchen Städte mit heftiger Feindſchaft und machte ſie zu Tummelplätzen wüthender Leidenſchaften,*) da bei der Bereitwilligkeit der beiden Hauptmächte, der Athener und Spartaner, dem Gegner zu ſchaden und ſich durch einen neuen Bundesgenoſſen zu verſtärken, je⸗ der Partei in der Stadt ſich immer Ausſicht auf Unterſtützung darbot. So gewann denn bald die ariſtokratiſche, bald die demokratiſche Partei die Oberhand, je nachdem Spartas oder Athens Einfluß die Oberhand erhielt. Dieſe Zwietracht im Innern verlieh dem Kriege nach Außen ſelbſt wieder neue Nahrung und Kräfte, und die beiden Staaten, welche an der Spitze der Krieg Füh⸗ renden ſtanden, unterließen nicht, dieſe Verſchiedenheit der Geſinnungen und die obwaltende Er⸗ bitterung zu nutzen und ein jeder auf dieſem Wege zu ſeinem Vortheile zu wirken. Dadurch aber ward die Leideuſchaftlichkeit, die ſchon im Anfange des Krieges mächtig aufgewallt war, durch denſelben mehr geſteigert, ſchärfer und bitterer. Wenige gaben geſunderem Gefühl und beſonnenem Wollen dann und wann Raum.

Wenn alſo Kleon den Athenern gerathen hätte, die Friedensanträge Spartas anzunehmen: ſo wür⸗ den ſie nur von ihrem Anſehen, vielleicht von ihrer Zuverſicht verloren haben und hätten doch keinen dauernden Frieden erzielt. Denn daß der Krieg ein Prinzipienkampf geworden, daß eine tiefer liegende Spannung die Gemüther durch ganz Griechenland erfüllte, bewies ſelbſt der nach Kleons Tode 421 auf 50 Jahre von den beiden Hauptſtaaten abgeſchloſſene Frieden, der den größten Un⸗ willen der Bundesgenoſſen erregt, Separatbündniſſe hervorruft und Athen und Sparta, angeb⸗ lich wegen nicht erfüllter Friedensbedingungen, wieder auf den Kampfplatz führt.

Der Erfahrung und dem Verſtande Kleons konnte ferner nicht entgehen, daß eine Menge Gährungsſtoff in der Stadt aufgehäuft lag. Hier hatte das perikleiſche Vertheidigungsſyſtem die Zahl des unbeſchäftigten Haufens außerordentlich vermehrt; ein mit Geſchrei ſich in Alles mi⸗ ſchendes gefährliches Geſindel trieb ſich auf den Verſammlungsplätzen herum. Der Krieg war nun ein vortrefflicher Ableitungskanal; man ſchickte die unruhigen Köpfe in den Kampf, wo ſie ſich austoben konnten, und reinigte ſo die Stadt von der drohenden Gefahr, allerdings ein Grund⸗ ſatz, der aller Humanität und Moral widerſtreitet und ſich nur vom politiſchen Standpunkte aus vertheidigen läßt. Aus ähnlichen Gründen entſendet Perikles eine Menge als Anſiedler.

Die wohlverdiente Machtſtellung Athens den eiferſüchtigen Spartanern gegenüber zu wahren

1) Thuc. III. 82 88, 95 100. VIII. 89.

2) Mit welch zügelloſer Wuth, mit welche gräßlicher Verhöhnung alles Hohen und Heiligen dieſer Krieg geführt ward, davon entwirft Thukydides III. 76 86 und IV. 46 48. ein entſetzliches, faſt Grauen erregendes Bild, das an die September⸗Mordnacht in Paris erinnert.