Aufsatz 
Einfluß Kleon's auf die Politik Athens
Entstehung
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Thaten gegen einander, vor denen die Menſchheit zurückſchaudert und die an die blutigen Gräu⸗ elſcenen der großen franzöſiſchen Revolution erinnern. Nur in Berückſichtigung der atheniſchen Gewaltherrſchaft und der Art und Weiſe der damaligen Kriegführung muß die von Kleon bean⸗ tragte Hinrichtung der Mitylenäer beurtheilt werden. Allerdings darf die Geſchichte an ſolche Handlungen nicht den gewöhnlichen Maßſtab der Moral und der Privattugend legen. Niemand wird ſich zum Lobredner des wilden Marius oder des blutigen Robespierre hergeben; aber wild⸗ verworrene Zeiten entſchuldigen gewaltige Maßregeln, und wenn das Wohl des Staates auf dem Spiele ſteht, ſo finden die terroriſtiſchen Vorſchläge eines Carnot vor dem Forum der Politik vollkommene Rechtfertigung und genügende Entſchuldigung.

Noch verdient bemerkt zu werden, daß Ariſtophanes in denRittern anführt, Kleon ſei von den Mitylenäern beſtochen geweſen. Dieſe unſinnige Verleumdung iſt ein Beweis, von welch geringem hiſtoriſchen Werth die Komödien ſind.

Aber noch ein zweiter Vorwurf iſt es, welcher der politiſchen Thätigkeit dieſes Staatsman⸗ nes von ſeinen vielen Gegnern gemacht wird, nämlich der Vorwurf, Kleons Streben gehe ſtets dahin, das Vaterland in Kriege zu verwickeln, und zwar bloß deshalb, um beſonnene Männer aus der Volks⸗Verſammlung auf den fernen Kampfplatz zu entfernen), ſo freieres Spiel bei Verfolgung ſelbſtiſcher Abſichten zu gewinnen und im Geräuſch der Waffen manche Gewaltmaß⸗ regeln und Schändlichkeiten zu verſtecken²)(inter arma silent leges).

Dieſen harten Beſchuldigungen widerſprechen die Ereigniſſe des Jahres 425, noch mehr aber die Situation Griechenlands. Eine atheniſche Flotte nämlich, eigentlich nach Sikelia beſtimmt, hatte ſich 425 des kleinen Ortes Pylos, nur 10 Meilen von Sparta entfernt, bemächtigt und den alten zerfallenen Sitz des homeriſchen Neſtor befeſtigt. Dieſe Feſtſetzung der Athener auf dem Peloponneſos ähnlich der in Kalkutta und auf Gibraltar durch die Briten war für Spar⸗ ta höchſt bedenklich. Wie leicht konnte Athen die Heloten zur Freiheit rufen, die Periöken⸗Städte, ſo wie faſt 40 Jahre früher, an ſich ziehen und von Pylos aus Eroberungsverſuche machen. Die Spartaner zeigten hier wieder recht ihre vollkommene Unbeholfenheit und Schläfrigkeit. Statt entſchieden einzuſchreiten, ließen ſie die Feſtſetzung der Athener in ihrer Nähe geſchehen und be⸗ trachteten das ganze Unternehmen als thöricht. So zögerten ſie, bis man ſich feſt verſchanzt hatte, und nun erſt rüſteten ſie und ſchloſſen Pylos mit bedeutender Kriegsmacht zu Waſſer und zu Lande ein. Um den Athenern die Zufuhr vom Meere aus gärzlich abzuſchneiden, landete eine Abtheilung Lakedämonier und Spartiaten auf der Inſel Sphakteria, am Eingange der Bai von Pylos. Da erſchien eine von Kerkyra zurückkehrende atheniſche Flotte zum Entſatz, ſchritt

1) Die vornehmſten Ariſtokraten hatten die Anführung des Heeres und der Flotte, die Demokraten die Lei⸗ tung des Staates. Ein Analogon bietet die Geſchichte Genuas. Die altritterlichen Geſchlechter der Fieschi, Grimaldi, Doria, Spinola erſcheinen nur noch in Admiralitäts⸗Stellen und im Oberbefehle über das Heer, ſeit der Popolo herrſcht. Die aus dieſem ſich herausbildenden neu adlichen Geſchlechter, die Adorni, Fregoſi, Gu⸗ archi, Montaldi u. a. ſind es, die im Staate am meiſten vermögen.

23 Thuc. V. 16. Aristoph. Acharner 600 ff. cf. Kortüm in den philol. Beitr. a. d. Schweiz, her. von Bremi und Döderlein I. 56. 2.