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und für den Krieg eine beſondere Behörde, eine energiſche Diktatur, beſtand. Denn da in Athen alle Maßregeln öffentlich waren und die Rüſtung in der Volksverſammlung diskutirt wurde: ſo war der Beſchluß, die Inſel Lesbos unerwartet überfallen zu wollen, ein wahrer Schildbürger⸗ ſtreich, und Kleon¹) bemerkt ſehr richtig:„Schon oft erkannte ich auch ſonſt, daß die Volks⸗ herrſchaft unvermögend ſei, Andern zu gebieten.“ Wie leicht konnte ein Freund die Mitylenäer warnen! Mit dem Schrecken jedoch entwickelten die Athener auch ihre Thätigkeit und Kraft, und es ge⸗ lang am Anfange des 5. Kriegsjahres, 427, Mitylene zur Unterwerfung zu bringen.*) Auf Betreiben Kleons faſſen die Athener den harten Beſchluß, alle Männer der eroberten Stadt niederzuhauen und die Weiber und Kinder als Sklaven zu verkaufen. Dieſe Unmenſchlichkeit ward theilweiſe mit veranlaßt durch die barbariſche Sitte des ſpartaniſchen Admiral Alkidas, welcher auf ſeiner Fahrt nach Mi⸗ tylene alle Schiffe, die ihm begegneten, ohne Unterſchied, woher ſie kamen, weggenommen und die Matroſen ins Meer hatte werfen laſſen, die Bundesgenoſſen und die Unterthanen der Athe⸗ ner, zu deren Befreiung angeblich die Spartaner kamen, ſo gut, wie die Athener ſelbſt.²) Dieſe barbariſche Sitte haben die Spartaner vom Anfange des Krieges an geübt; ſie haben nicht nur die atheniſchen Schiffe, die um den Peloponneſos ſegelten, weggenommen, ſondern auch die Schiffs⸗ mannſchaft verſtümmelt, den Matroſen die Hände abgehauen und ſie dann erſäuft. Solche Un⸗ menſchlichkeit der Spartaner mußte bei den atheniſchen Bürgern die Luſt erregen, Repreſſalien zu nehmen, und ſo ward es dem Kleon leicht, jenen Mordbeſchluß gegen die abgefallenen Mity⸗ lenäer durchzuſetzen. Glücklicher Weiſe aber bereueten die Athener bald dieſen blutigen Befehl, verſammelten ſich des andern Tages in aller Frühe und forderten, daß eine nochmalige Umfrage geſchehe, ob dieſer ſchreckliche Befehl ausgeführt werden ſolle, oder nicht. Kleon ſucht den er⸗ ſten Beſchluß aufrecht zu erhalten, tadelt das Schwanken einer Regierung, die des Morgens um⸗ ſtoße, was ſie Abends zuvor befohlen, macht geltend, daß die Herrſchaft Athens eine Tyrannei ſei, der nur mit Widerwillen gehorcht werde; er wagt zu ſagen, daß er ſich wieder von Neuem überzeugt habe, wie im Grunde eine Volksregierung unfähig ſei, über Andere zu herrſchen; er nennt die Empörung nicht einen Abfall, ſondern einen Anfall.„Die Mitylenäer“, fährt er fort, „ſind nicht gezwungen, ſondern ſind freiwillig und wohl überlegt abgefallen. Erwäget aber, wenn ihr denjenigen Bundesſtaaten, die von den Feinden gezwungen, und denjenigen, die freiwillig ab⸗ fallen, gleiche Strafe auferlegt, welcher wird dann nicht bei der geringſten Veranlaſſung abfallen, ſobald das Gelingen ihm Freiheit, das Mißlingen nicht unheilbare Buße bringt? Ihr werdet dann gegen jeden Staat Schätze und Leben auf das Spiel ſetzen müſſen. Und erreicht ihr eu⸗ ren Zweck, ſo werdet ihr einen zerrütteten Staat unterwerfen, der euch Nichts einbringt; miß⸗ lingt es aber, dann werden wir neben den bisherigen Feinden neue zu bekämpfen und mit un⸗ ſern eigenen Verbündeten Krieg zu führen haben. Alſo treffe ſtrenge Strafe die Empörer; ſtellt ein warnendes, abſchreckendes Beiſpiel den andern Bundesgenoſſen auf, die nur unwillig unſre Herrſchaft ertragen; der Tod treffe den, der abfällt!“
Trotz dieſem mit großem Eifer angerathenen Terrorismus ſiegt doch bei der zweiten Abſtim⸗
1) Thuc. III. 37. 2) Ib. III. 16. 3) Ib. III. 32.


