Aufsatz 
Einfluß Kleon's auf die Politik Athens
Entstehung
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wenn unter den Schrecken des Gewitters und bei ſturmdurchwühltem Meere das Schiff zum Spiel der Wellen geworden iſt, dann bedarf es hoher Manneskraft. Dieſe glaubte Kleon zu be⸗ ſitzen. Seine politiſche Thätigkeit iſt zunächſt dahin gerichtet, das in der atheniſchen Geſchichte begründete demokratiſche Prinzip aufrecht zu erhalten und das perikleiſche Syſtem, alleinige Herr⸗ ſchaft Attika's über ganz Griechenland, zur Geltung zu bringen. Durch dieſe politiſche Richtung aber iſt die Fortführung des Kampfes gegen Sparta geboten. Die Feſtigkeit, mit welcher Kleon die einmal angenommenen Grundſätze beobachtete, verrathen nicht gewöhnliche Geiſtesanlagen. Mit dieſer Entſchloſſenheit und Zuverſichtlichkeit vereinigte er eine kluge Benützung günſtiger Momente, ver⸗ band er eine auf die Wirkung des großen Haufens wohl berechnete Gabe der Rede), ſo daß ihn Cicero ſogar unter den bedeutendſten Rednern aufführt²), im Widerſpruche mit Ariſtophanes, der Kleons Vortrag mit dem Geheul des Styx, mit dem keifenden Lärmen einer horriblen Stimme und mit dem Grunzen einer beißigen Sau vergleicht.¹) Durch Geſchenke aus Privatmitteln und Spenden aus der Staatskaſſe konnte er ſich des Pöbels verſichern, und einige Dutzend Schuhſoh⸗ len aus ſeiner großen Gerberei und ein paar Fäſſer geſalzener Fiſche, im rechten Augenblicke vertheilt unter eine Anzahl abgeriſſener und ausgehungerter Bürger, mögen ihm auf den Berathungs⸗ plätzen mehr genützt haben, als ſeinen ariſtokratiſchen Gegnern alle Prachtaufzüge, wovon Nie⸗ mand ſatt oder bekleidet ward.

Zwar ſetzte die Adelsklaſſe, um Kleons übermäßige Macht zu hemmen, ihm den Nikias, ei⸗ nen durch erprobtes Kriegsglück, durch ruhigen Verſtand und Milde der Geſinnung ausgezeich⸗ neten Mann entgegen; aber ihm fehlte das Eine, was in allen öffentlichen Angelegenheiten den Ausſchlag gab, ihm fehlte die Gewalt der Rede. Nur widerſtrebend und zaghaft nahm er das Wort, und ohne Nachdruck war ſein Vortrag. Und doch beherrſchte die Zunge das Volk, während das Schwert ihr dienen mußte.¹) Hierin aber war Kleon in entſchiedenem Vortheil, und er mußte um ſo mehr durch ſeine Rede erreichen, da der ins Bürgerthum getretene Adel, dem die Gleichheit läſtig war, Umtriebe machte, alſo dem Volke verdächtig war, welches mit neidi⸗ ſchem Auge die unumſchränkte Demokratie bewachte, ſich jedem Verſuche, das Viele an die Ein⸗ heit zu binden, widerſetzte und den alten Eid, den uns Ariſtoteles³) aufbewahrt hat, wohl kannte, den Eid nämlich:dem Volke übel zu wollen und zu ſchaden, ſo viel man könne.

Es mußte einen großen Eindruck auf die Bundesgenoſſen Athens machen, daß im alten und eigentlichen Griechenland ihre Befreiung vom atheniſchen Joche verkündet worden war.*) Lesbos erklärte auf die Nachricht, zu Athen wüthe abermals fürchterlich die Peſt und es habe in Sparta vergeblich um Frieden gebeten, zuerſt(428) offen ſeinen Abfall und trat zum peloponneſiſchen Bunde über.6) Die Athener erſchraken über dieſen Anfang der Bewegung ihrer Symmachen und be⸗ ſchloſſen, Mitylene, die mächtigſte Stadt der Inſel und Herd der Empörung, während der Feier eines Feſtes zu überraſchen. Dabei aber zeigte es ſich, wie nachtheilig es für Athen war, daß nicht wie in Rom(consules videant, ne respublica quid detrimenti capiat.) für dringende Zeiten

1) Thuc. III. 37 41. 2) Brut. 7. 3) Aristoph. Ritter. 305; Frieden 756; Wespen 34. 4) Plut. Nic. 2. Thuc. III. 440. 5) Polit. V. 7. 19. 6) Thuc. II. 6. 7) Ibid. III. 8 15.