Augenblicks mit ſtürmiſcher Aufwallung in Kraft zu ſetzen und mit eiferſüchtiger Laune den un⸗ beſchränkten Willen geltend zu machen, ferner Geringſchätzung des Beſtehenden, endlich Neuerungs⸗ luſt und Unbeſonnenheit im Umſtürzen.¹) Dieſe Leichtfertigkeit*) war noch begleitet von Ränke⸗ ſucht und Habſucht. ²) Bei aller Unbändigkeit der Selbſtherrſcherei dauerte indeſſen die Neigung des Volkes fort, ſich von der Führung einer ihm zuſagenden Perſönlichkeit abhängig zu machen. Eine ſolche war Kleon“), der kühnſte und merkwürdigſte unter den Volksmännern nach Perikles Tode.
Kleon, Sohn des Kleainetos,“) nach Andern des Kleonymos,) erbte vom Vater eine Gerbe⸗ rei, welche viele Sklavenhände beſchäftigte. Ein ſolches Handwerk, das, ohne den Forderungen des Gemeinweſens Eintrag zu thun, reichlichen Gewinn gab, brachte dem Bürger keine Unehre; nur mußte er den Aufſeher, nicht den Arbeiter darſtellen. Ariſtophanes ſollte alſo nicht, von Standesvorurtheilen befangen, ſo häufig den gopodns anführen; bloß ein Thor kann etwas dagegen haben, daß der Gerber Kleon in der Staatsverwaltung war. In London ſind große Bierbrauer oft die angeſehnſten Männer und ſitzen im Parlamente.— Wenn auch nicht aus alt berühmtem Geſchlecht, war Kleon doch keineswegs aus der Hefe des Volkes entſproſſen*) und gehörte zur wohlhabenden Klaſſe der Bürger, zu den Rittern. Bald nach der Belagerung von Mitylene ſehen wir ihn in einem der wichtigſten Staatsämter, in dem eines Schatzmeiſters oder Verweſers der öffentlichen Einkünfte, durch die Wahl des Volkes dazu berufen. Als ſolcher erſcheint er in den„Rittern“ und als ſolcher führt er das Siegel des Staates. Er muß alſo damals zur erſten Vermögensklaſſe gehört haben.— Die Darſtellung ſeines Charakters und ſei⸗ ner politiſchen Thätigkeit macht nicht geringe Schwierigkeit. Wie ſo? Stellt nicht Ariſtophanes faſt in jeder Scene ſeiner Komödien, die auf das Volk eine cenſoriſche Gewalt übten, ſo klar und offen dieſen Mann hin als den niedrigſten und verworfenſten Demagogen, als eine Art po⸗ litiſches Ungeheuer? Urtheilt wol der große Hiſtoriker Thukydides viel beſſer über ihn? Stim⸗ men nicht mit dieſen beiden Autoritäten die Urtheile des Alterthums und der Nerzeit überein? Auch ich bin weit entfernt, den berüchtigten Mann als einen Tugendhelden hinſtellen zu wollen; aber allen jenen harten Anſchuldigungen widerſpricht entſchieden das Faktiſche, was Thukydides über ihn erzählt, widerſpricht die Popularität und Macht, welche Kleon viele Jahre, trotz der gehäſſigſten heimlichen und öffentlichen Anfeindungen bis an ſeinen Tod behauptet hat. In ei⸗ nem ſolchem Falle aber ſcheint eine wiederholte Prüfung über das Leben dieſes Staatsmannes gerechtfertigt..
Der Tod des Perikles führte den wohlhabenden Bürger an die Spitze des attiſchen Volkes, und alles Uebel, das ſich aus der Verwaltung jenes Staatsmannes entwickeln mußte, war al⸗ ſo Kleons Erbtheil. Zudem wütheten die Schrecken der Peſt, ängſtigten den Bürger die Einfälle der Peloponneſier. Im Innern vielfacher Parteikampf, nach Außen hin Beſorgniß um den Ge⸗ horſam der unterthänigen Staaten und damit für die finanziellen Mittel Athens.„Bei ruhigem Meere“, ſagt Fabius im Senate,„mag jeder Schiffer oder Steuermann das Ruder führen; aber
1) Thuc. V. 37. 2) Aristoph. Wolken. 1174. Thuc. III. 83. 3) Aristot. pol. V. 7. 22 und VI. 17. Platon. respub. VIII. 4) Thuc. III. 36. 5) Thuc. IV 21. 6) Aristoph. Ritter. 44. 7) Aris- toph. Ritter 336.


