Aufsatz 
Das Alexanderlied des zwölfen Jahrhunderts
Entstehung
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er geſtattete auch den Gefangenen, daß ſie zur Wahlſtatt hinabzogen und mit Ehren für Porus, ihren gefallenen Herrn, ſorgten.) Zur Vollendung des vortrefflichen, mit kräftigen Zügen und ſicherer Hand entworfenen Bil⸗ des gehört noch die Herablaſſung und Leutſeligkeit des Helden. Mit der Verſicherung, daß er Leib und Gut mit ſeinen Soldaten theilen wolle, hat er ſie zu größter Anhänglichkeit und Treue verpflichtet.) Und ſo ſehr liegen ihm ſeine Kampfgenoſſen am Herzen, daß er ihren Verluſt mehr als jeder Andere im Heere beweinte, ja er kann eines Sieges nicht froh werden, weil ihm viel Leute todt lagen. ²) Die Todten aber läßt er begraben als ſeine lieben Genoſſen, die Verwundeten läßt er, nach Aerzten ſendend, verbinden und beſiehlt, daß man ſie aufs beſte pflege und nicht eher zog er weiter, als bis er ſich überzeugt hatte, daß ſie geheilt werden könnten. ¹)

So miſchte ſich jedesmal mit der Freude über den Sieg die Trauer ⁵³) um die Gefallenen. Zugänglich und für Freundſchaft empfänglich hört er auf die Wünſche und den Rath der Seinen,) folgt aber leider dem der jugendlich Kühnen, der Unbeſonnenen.*)

Damit aber der Wahrheit der Charakteriſtik nicht Eintrag geſchehe, ſo fehlt es auch nicht an Schatten in dem Bilde des großen Helden. Wir ſehen ihn jähzornig, ja grauſam und insbeſondere iſt es die Ueberhebung, der übermäßige Stolz, der immer ſchroffer hervortritt, während er früher mit Milde gepaart ſchien,*) der dem König zur Schuld angerechnet wird, ſo daß er, der ſich früher von der höchſten Macht berufen glaubte, die Welt zu beherrſchen, Meiſter ſeiner Sinne zu ſein,*) endlich wie von der Hölle getrieben, in wüthender Begierde tob⸗ te. 1°) Da mußte wohl ein Wunder geſchehen,¹) um ſo maßloſer Leidenſchaft ein Ziel zu ſetzen. Hierbei kommt es dann auf eine Motivirung nicht mehr an und wir können über den Mangel derſelben mit dem Dichter nicht rechten, da das wahrhaft fromme Ende des Helden, die Wendung ſeines Gemüths nicht im Plane der Dichtung liegt. Es kann daher auch nicht auffallen, daß der Dichter ſchnell genug und mit einer gewiſſen Trockenheit zum Ende eilt. Und damit ja nicht im Dunkel bleibe, was der Dichter mit ſeinem Lied gewollt, ſo wirft er mit den ſchlichten Worten: Von Allem, was Alerander errang, behielt er nichts, als ſieben Fuß Erde, wie's der ärmſte Mann erhält, der je in dieſe Welt kam, noch das hellſte Licht auf ſeine Abſichten. Eitel und vergänglich ſind alle Dinge in dieſer Welt, mit dieſem Gedanken beginnt Lamprecht ſeine Dichtung; wie lange währt alle Macht, ſelbſt die unbeſchränkte Herrſchaft über die ganze Erde, wenn Leidenſchaft und Maßloſigkeit den Geiſt gefangen hält, ſie führt zum moraliſchen und phyſiſchen Tode; ein höheres Leben aber und den Himmel gewinnt: Selbſtbeherrſchung.

Kaum bedarf es eines Wortes, darauf hinzuweiſen, welcher merkwürdige Unterſchied in der Erzählung von dem Lebensende Alexander's zwiſchen Lamprecht und dem franzöſiſchen Dichter Statt findet. Wie dem Dichter hier Aehnlichkeit und Gemeinſchaft mit den Trouvéres fehlt, ſo weicht er zu ſeinem Ruhme auch in dem gan⸗ zen Geiſt der Darſtellung von den Franzoſen ab. Gemeinſam hat er nur, und das iſt die ſchwache Seite des Werkes, die oft auffallende Unbeholfenheit in der Darſtellung, ferner die Wiederholungen, in welchen ein ſchon

1) 4590. 2) 665. 3) 1247. 4) 3375. 5) 2005. 6) 3386. 7) 6490. 8) 4145. 9) 4720 ff. 10) 6520. 11) 7001.