— 19—
erzähltes Faktum aufs Neue erzählt wird, oder auch in einer größeren Reihe von Verſen immer wieder daſſelbe geſagt wird. Die ſprachlichen Mängel haben Vilmar, Weismann und Andere nachgewieſen, von Verſtößen gegen geſchichtliche und geographiſche Richtigkeit berichtet Philippi in der angeführten Schrift, ¹) in welcher als Reſultat der Unterſuchung die Meinung aufgeſtellt wird, es habe der Pfaffe Lamprecht entweder das Original des Pſeudo⸗ Kalliſthenes, oder eine der zahlreichen Ueberſetzungen, die er ſtudirt, ſeiner Dichtung zu Grunde gelegt. Selbſt die Epiſode von den Mädchenblumen könne von Calliſthenes herrühren, und vielleicht habe ſie der Abſchreiber nur par une réserve monastique unterdrücken zu müſſen geglanbt; eine Conjektur, die in der That kaum halt⸗ bar ſcheint.
Wie dem auch ſei und wer auch immer Lamprecht zum Vorbild gedient haben mag, es bleibt ihm immer noch Selbſtſtändigkeit genug und ganz unzweifelhaft mehr, als den Nachahmern eines Dichters aus dem 12. Jahrhundert, der hier kurz erwähnt werden ſoll. Dieſer Dichter iſt Gaultier von Chätillon, Kanonikus von Tournay, deſſen lateiniſches Gedicht in Hexametern unter dem Titel: Philippi Galtheri Alexandreidos libri decem, oder unter etwas abweichenden Ueberſchriften jetzt noch vorhanden iſt. Er lebte um 1160 und muß als Dichter in ſeinem Lande im höchſten Anſehn geſtanden haben, da er mit dem Lucan verglichen, ja ſogar über Homer geſetzt wird.(?) Und auch Villedeuil in neueſter Zeit hat zwar nur wenig von dieſer Dichtung geleſen, kann aber aus dem Wenigen ſchließen, daß er ein ſo günſtiges Urtheil verdient. ²)
Anders urtheilt freilich Gervinus über dieſen Walther von Caſtiglione.*) Nach ihm hat der Dichter in den Curtius, als die Hauptquelle ſeiner Dichtung, alle möglichen Fabeln, die vor ihm über dieſen Helden gangbar waren, eingeſchaltet und von ſeiner eigenen Gelehrſamkeit und poetiſchen Beleſenheit an Schmuck hinzugethan, was ihm gut dünkte, ſo daß wir z. B. den griechiſchen Mythus in ziemlicher Vollſtändigkeit und ſehr ausführlich in dem Gedichte dargeſtellt finden. Daß über eine ſolche gleichſam monſtröſe Dichtung, die übrigens ſelbſt kennen zu lernen mir nicht vergönnt war, das Alexanderlied unſeres Lamprecht den Sieg davon trage, iſt ſo gut wie gewiß.... Ueberhaupt wird mancher nach den hier gegebenen Erörterungen ſich vielleicht zu der Meinung hinneigen, daß doch wohl Vilmar Unrecht gethan, von Gervinus zu ſagen, daß er das Gedicht auf übertriebene Weiſe gelobt und dadurch von allen Seiten Widerſpruch hervorgerufen habe. ⁴)
Oder iſt es etwas Geringes in einem ganzen Jahrhundert der Einzige zu ſein, der einer idealen Auffaſſung fähig iſt, wie wir ſie in Lamprecht finden?
Und dieſer Eine iſt ein Deutſcher— ſeine Dichtung iſt kein geringer Beitrag, ein weithinleuchtendes, glän⸗ zendes Zeichen des großen Berufs der Deutſchen zum geiſtigen Weltbeſitz!
1) S. 97
2) Légende d'Alexandre-le-Grand. pag. 11.
3) Geſchichte der poet. Nationall. Bd. 2, S. 62.
4) Vilmar. Geſchichte der deutſchen Nationalliteratur. Bd. 1, S. 237.
3*


