Aufsatz 
Das Alexanderlied des zwölfen Jahrhunderts
Entstehung
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gleich, der noch ſatt ward keinen Tag und es auch nimmer werden mag; wie er denn ganz und gar verſchlingt, was nur immer zu ihm dringt. Was iſt das dann? Nichts anders, als ein kranker Mann. Der Mann, der gleicht dieſem Steine, der in die eine Schale gelegt, ſich ſelber niederdrückte und das Gold emporhob. Ihr wart nicht klug, daß ihr das Paradies zu erfechten Begehr trugt, ruft er dem König zu. Ihr müſſet von hinnen fah⸗ ren und ſterben und mit der Erde gemengt werden.

Darin gleicht ihr der Federflaum, die nieder mit der Erde ging, wo ſie in der Wage hing und zuckte in die Höh den Stein. Das iſt die Leichtigkeit und Schwere des Steins. Darum wendet Euch ab von Eueren Sünden und kehret zu Gott Euere Herzen, befreit Wittwen und Waiſen von Schreck und Geſahr und kehret Euer Herz zu mannigfachem Guten. Und Alerander that, wie ein König thut, gab mit großem Edelmuth dem Alten, ſandte ihn mit Ehren wieder heim zu ſeinem Lande, ehrte Mann, wie Weib viel mehr, als er bisher gethan und hielt ſich mäßig allerſeiten. Er mied den Krieg und alle Gierigkeit und leitete ſein großes Reich mit Kraft und mit Herrlichkeit nicht länger mehr, als zwölf Jahr:

wart ime vergeben(vergiftet)

sint ne mohter niwit leben,

wandime sin houbit gare zespielt.

niwit mér er behilt

allis, des er ie beranc,

wene erden siben vouze lanc

alse der armiste man,

der in die werlt ie bequam..

Dieſer Schluß, ſo wie Anfang und Mitte der Dichtung Lamprechts wird von Einem Gedanken durchdrungen, Eine Idee herrſcht das Ganze bewältigend vor und veredelt gleichſam den nicht ſelten rohen Stoff: Gierigkeit und Mangel an Selbſtbeherrſchung führt zur Unthat und Sünde, ſchafft Leiden, ja führt endlich ſelbſt die Vernichtung des Menſchen herbei. Dieſe Gegenſätze auf dem Gebiete der Sittlichkeit, den Kampf des niedern und des hö⸗ hern Lebensprincips hebt der Dichter mit äußerſter Schärfe hervor. Noch ſind in ſein Epos nicht, wie in das des dreizehnten Jahrhunderts ſubjectiv⸗yriſche Elemente eingedrungen; es fehlt zu ſeinem Vortheil die Wunderlichkeit der Charaktere, die Sentimentalität, vermittelſt welcher auch nichtige Zwecke durchgeſetzt werden; es fehlt zur Ehre unſeres Dichters dieſe Hingabe, dieſer Tribut an die Sinnlichkeit, die der Romantik vorzugsweiſe eigen iſt; fremd iſt ihm endlich alle naturwidrige Verſchmähung des Lebens in ſeiner Berechtigung zur Freude: er berührt die höchſte Aufgabe menſchlicher Beſtimmung: Mydzv A*av dieſer Delphiſche Orakelſpruch, das Maß, die Mäßigung iſt auch ihm der Gipfel der Lebenskunſt.

Wie tief ſteht in dieſem Bezug das franzöſiſche Alexanderlied unter dem deutſchen: aber ſelbſt in dem, was weniger ſchwer war, in der Darſtellung des Charakters übertrifft Lamprecht bei Weitem diejenigen, welchen er be⸗ ſcheiden nachſtehen zu wollen bekennt. Die Schilderung der Kindheit Alexanders iſt ſchon gemäßigter gehalten, obſchon hier manche Wunderlichkeit und Uebertreibung mit unterläuft.¹) Dagegen finden wir den Zorn niemals ſo unmotivirt, wie bei Lambert und Bernay. Als die Tyrier ihm drei Boten hingen, da ergrimmte er mit allem Recht im höchſten Zorn.*) Eben ſo hat er das traurige Recht des Krieges für ſich, den hartnäckigen Widerſtand Thebens durch die Zerſtörung der Stadt zu rächen.) Unmuth faßt ihn im Herzen tief, als ihm eine höhniſche

Q·Q·/Q·--

1) Weismann(160). 2) 875. 3) 2135.