Aufsatz 
Das Alexanderlied des zwölfen Jahrhunderts
Entstehung
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freislich was min ungemah daz ih alle tage sah

an den scônen fronwen. owé, wie si mih rüwen

ih si sah sterben

unde di blümen verterben: do schiet i trürich dannen mit allen minen mannen.

Vergleicht man dieſe liebliche Schilderung mit der Geſchichte des Wundergartens in dem franzöſiſchen Alex⸗ anderliede,) ſo muß dieſe Vergleichung zum entſchiedenſten Nachtheil für die franzöſiſche Dichtung ausfallen. In letzterer iſt auch keine Spur der Decenz und Sinnigkeit unſeres Lamprecht. Wie er alles Unreine ausſcheidet, ſo gefallen ſich die franzöſiſchen Dichter vorzugsweiſe darin, in aller Breite ihrer Darſtellung das Gepräge der Petulanz aufzudrücken; aus der faſt ironiſchen Beimiſchung der Ungläubigkeit ſcheint die Abſicht durchzuleuchten, daß ſie nichts weiter mit ihrer ausführlichen Beſchreibung im Auge hatten, als der groben Sinnlichkeit ein Feſt zu bereiten. Die Quelle dieſer Wundergeſchichte oder Sage von den Mädchenblumen, wie ſie epiſodiſch in das Alexanderlied Lamprechts und Lambert li Tors und Bernay's verflochten iſt, hat noch nicht entdeckt werden kön⸗ nen. Man vermuthet mit Recht, daß dieſes Phantaſiegebilde in Indien entſtanden, daß zur Nachbildung deſſel⸗ ben ein Indiſches Muſter vorhanden geweſen ſein könne. ²) Aehnlich genug erſcheint Sakontala mit ihren jung⸗ fräulichen Geſpielinnen im heiligen Hain am Geſtade des Maliniſtromes, den Waldblumen gleich, als der Kaiſer von Indien, Duſchmanta, ſie mit ſeinem Gefolge zuerſt erblickt. Sie fühlt die Neigung einer Schweſter für die Pflanzen, ja die Madhawipflanze nennt ſie geradezu ihre Schweſter: der Amrabaum winkt mit den Spitzen ſeiner Blätter, die der Wind leiſe bewegt; ein andermal gleicht ſie der Madhawiwinde, die der heiße Sturm verzehrt. Die heftige Erſchütterung ihres reizbaren Gefühls iſt wie ſiedendes Waſſer auf die Blüthen einer zarten Blume. Die Nymphen des Waldes erheben ihre Hände, die mit jungen Blättern wetteifern an Weichheit und Schöne. Dieſe Vergleichungen identifiziren ſich faſt mit der Vorſtellung von Sakontala und zwar ſo, daß Ruheſtätte, Schmuck, ſelbſt die Mittheilung durch dieſe Vermittelung hindurchgehn. Darum laſſen die Pflanzen im Walde, als ſie Abſchied nimmt, ihre bleichen Blätter zur Erde ſinken, ihre Kraft und ihre Schönheit iſt dahin. Ihre Lieb⸗ lingspflanze, die ſie ihre Schweſter genannt, umarmt ſie beim Abſchied, wie ihr anderes Ich, und ſpäter noch ſcheint ſie von der Madhawiſtaude ſtillſchweigend in Anmuth begrüßt zu werden.

Es wäre nicht unmöglich, daß dieſe höchſt wunderbare Indiſche Dichtung irgend wie könnte bekannt gewor⸗ den ſein, und daß in ihr die Quelle von Lamprechts und der Andern Darſtellung zu ſuchen ſei.

Außer dieſen wunderbaren Dingen, welche Alexander erlebt hat, kommt er an eine herrliche Veſte, zu der ſie den Zutritt erzwingen. Der König betrachtet mit den Seinen einen wunderbaren Palaſt, kommt in das Land Braſiacus und von da ans Ende der Welt. Dann gelangt er zum Land der Königin Candacis. Die Königin beſchenkt ihn aufs herrlichſte, führt ihn in die heilige Kapelle, wo die Götter ſaßen. Er fragt, wie lange er noch zu leben hätte und erfährt, daß er in ſeiner Stadt Alexandria werde begraben werden. Nachdem der König Ab⸗ ſchied genommen, zieht er in das Land der Amazonen. Hier entbietet Alexander der Amazonenfürſtin ſeinen Gruß und fordert Zins von ihrem Lande. Der Frauen Königin antwortet mit klugem Sinn: Was will der weitbekannte Held in unſerm Lande? Setzen wir uns ihm zur Wehr und ſchlägt er uns dann alle nieder, ſo

¹) Vollſtändig abgedruckt in Weismanns Alexander Bd. 2 S. 341 f.. 2) Sakontala von Kalidas, überſetzt von Forſter. Leipzig 1791.