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faßt.¹) Von dem deutſchen Epos ſind zwei Handſchriften vorhanden, eine Straßburger und eine zweite im Stift Vorau in der nördlichen Steiermark, die von Wien aus Diemer erſt im Jahre 1849 aufgefunden hat. Herausge⸗ geben iſt die Straßburger Handſchrift zuerſt vollſtändig von Maßmann, ²) die Vorauer von Diemer.³) Mit Be⸗ nutzung beider Handſchriften erfolgte eine Ausgabe von Weismann.“) Da das deutſche Gedicht in Bezug auf den Inhalt im Allgemeinen viel Aehnliches mit dem franzöſiſchen Alexanderlied hat, das oben analyſirt worden iſt, die Verfaſſer aber ſpäter gedichtet haben, als der deutſche Lamprecht, ſo läßt ſich die Vermuthung aufſtellen, daß außer der gemeinſamen Quelle des Pſeudokalliſthenes, Alberich eben ſo wie dem deutſchen Dichter, auch Lambert und Bernay, vielleicht zum Vorbild gedient habe. Wie dem auch immer ſei, und wie viel auch immer Lamprecht dem Alberich verdanken mag, der Geiſt der deutſchen Dichtung iſt ein völlig anderer und zwar ein beſſerer:„ſie iſt eine der ſchönſten Zierden der mittelalterlichen Poeſie.“*)
Man kann den Gang und Plan des Gedichtes, das aus 7151 Verſen beſteht, ſo beſtimmen, daß man drei Hauptabſchnitte erkennt, deren erſter mit dem Zuge Alexanders bis ans Ende der Welt ſchließt; der zweite den Inhalt eines Briefes des Eroberers an ſeine Mutter Olympias mittheilt und über den Aufenthalt im Lande der Amazonen berichtet; der dritte endlich den Zug nach dem Paradieſe darſtellt. Das Lied, das der Verfaſſer ſingt, ſoll zu Aller Herzen dringen, zeigen ſoll es, daß ist alliz ein itelicheit,
daz die sunne umbexeit.
Seit ein Menſch geboren ward, war kein König von ſolcher Art, wie Alexander. Er war nicht, wie Manche im Lügenton ſprechen, eines Gauklers Sohn, von echten Königen ſtammt er her. Als ſeine Mutter Olympias ſein genas, da erbebte die Erde überall, groß ward der Donner, ein ſtarkes Wetter goß nieder, es verwandelte ſich der Himmel, die Sonne verdunkelte ſich und verlor beinahe ihren Schein. Das neugeborne Kind aber zeigte nach 3 Tagen ein kräftiges, ja höchſt wunderſames Ausſehn. Wenn Unmuth ſeinen Sinn umfing,
so sah er alse der wolf deit, als er ubir sinem àse steit.
Die Erziehung des Knaben iſt der mittelalterlichen völlig gleich: er wird gelehrt, wie er ſich gegen Ritter be⸗ nehmen; wie er zu Gericht ſitzen und von dem Unrechten das Rechte ſcheiden ſollte; er wird im Schreiben, in den Sprachen, in der Muſik, Mathematik und Aſtronomie unterrichtet. Es iſt nicht unintereſſant, dieſe Unter⸗ richtsweiſe in ihrer Quelle kennen zu lernen. Pierre de Corbias, ein Dichter um 1160, in ſeinem trésor, faßt ſie in folgende Verſe zuſammen:
En totas las set artz sui assatz connoissens Per grammatica sai parlar latinamens Declinar e construire e far derivameèns Em'gar de barbarisme en prononciamens; Per dialectica sai molt razonablemen⸗ Apauzar et repondre e falsar argumenz Sophismar e concluire et tot ginhosamens Menar mon adversari a desconfezimens.
4 imitation. Ville- 1) Le poëme d'Albérie de Besançon reçut d'uan Allemand, nommé Lamprecht, les honneurs de l'imita deuil p. 16.
2) Quedlinburg und Leipzig 1837.
3) Wien 1849.
4) Frankfurt 1850.
5) Weismann Bd. 1. S. XXII. 2


