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lich iſt es, in prahleriſcher Gewißheit ſeiner Ueberlegenheit dem letzten Gegner Porus einen Zweikampf anzubie⸗ ten, ja in dieſer Zuverſicht das Land deſſelben im Voraus als Lehn auf einen Andern zu übertragen. Alles aber überbietet die Geſchichte ſeines Todes, wie ſie von den Trouvéres ausgeſchmückt, oder vielmehr verunſtaltet wird. In ihr erſcheint der Heros ſo ziemlich allen Verſtandes baar. Der große Held, der Herr der Welt, vergießt Thränen, da er die prophetiſche Verkündigung ſeines nahen Todes vernimmt. Seine Mutter hatte ihn vorher vor den Verräthern Antipater und Divinus Pater gewarnt. Demungeachtet nimmt er ſie ohne Beſorgniß bei ſich auf, anſtatt ſie ins Gefängniß werfen zu laſſen. Bei alledem fürchtet er auch wieder vergiftet zu werden. Das Mahl für den König wird aufgetragen. Die Diener müſſen auf ſeinen Befehl die Aermel aufſtreifen; ſolche Aengſtlichkeit erſtreckt ſich aber nicht auch auf die anweſenden Ritter. Ein Ritter, Günſtling des Königs und ſein Mundſchenk, hatte das Gift unter ſeinem Fingernagel verborgen, weiß es geſchickt in das Trinkgefäß zu bringen, thut, als koſte er davon, reicht es dem König dar, welcher die Unvorſichtigkeit begeht, den dargebotenen Trank zu verſchlucken. So ſtirbt der Beherrſcher der Welt comme un simple chien!¹) Dazu kommt noch, daß das Gedicht in ungeſchickten Wiederholungen ſich überbietet, ein Fehler, den eigentlich die ſonderbare Form deſſelben zu gebieten ſcheint, da oft 70— 80, ja oft 111 Reime auf einander folgen. Der Vers iſt eine Langzeile d. h. der bald in Frankreich allgemein gebräuchliche vers héroique oder Alexandriner, aber noch ohne klare Caeſur. Eine übel angebrachte Gelehrſamkeit dient auch nicht zur beſondern Empfehlung der Dichter: z. B. wenn Alexan⸗ der bei gewiſſer Gelegenheit ſich mit Aeneas vergleicht, der ſeinen Vater Anchiſes trägt; wenn die Stoffe eines wunderbaren Zeltes Malereien enthalten, die die Abenteuer des Hercules, den Raub der Helena, die Belagerung und Einnahme Troja's, außerdem eine vollſtändige Kosmographie darſtellen, wenn Flore und Beauté, zwei Bot⸗ ſchafterinnen von Amabel, der Königin der Amazonen, als ausgezeichnete Sängerinnen das Lied von Nareiſſus vortragen u. ſ. w. Die Vergleichungen und Schilderungen ſind geſucht, weit hergeholt, unpaſſend, zuweilen ſo⸗ gar läppiſch. Als Candiolus, der Sohn der Königin Candace, Alexander tödten will, ſchlägt ihn dieſe und der Sohn zieht weinend ab. plorant ist de la cambre, si vint à la maison.
Man würde indeß ſehr Unrecht thun, wollte man die ſchon wegen der zwei gemeinſchaftlichen Bearbeiter merkwürdige Dichtung verurtheilen. Für ihre auffallenden Fehler und Schwächen bietet ſie ziemlich reichen Erſatz durch außerordentlich kräftige Reden, lyriſche Ergüſſe, durch Naturſchilderungen, voll von Anmuth und Zeugniß gebend von reinem poetiſchen Sinn. An Sittenſprüchen, religiöſen Mahnungen fehlt es durchaus nicht, eben ſo wenig an ſcharfſinniger, tief verſtändiger Anſicht von den Dingen dieſer Welt. Oft genug miſcht ſich naip die größte Geſchmackloſigkeit und Wunderlichkeit mit überraſchend zarter Sinnigkeit. Alexander will in den Himmel fliegen. Er läßt ſich einen Käfig machen mit Fenſtern, an dieſen werden 7 oder S Greifen Ceine fabelhafte Thiergattung, die im Mittelalter eine große Rolle ſpielt) gebunden. So fliegt er empor und kehrt unverletzt zu den Seinigen zurück. Verlockt von der glücklich ausgefallenen Expedition in die Luft, faßt er den Plan einer un⸗ terſeeiſchen Excurſion. Er läßt ſich eine gläſerne, von Lampen erleuchtete Tonne bauen und ſchickt ſich in dieſer Weiſe an, in die Tiefe des Oceans zu ſteigen. Was ſieht er da? Das, was er auf der Erde ſehen konnte:
Li plus fort prent le foible, se l'ocit et confont.
Dieß mag denn genug ſein und wird allenfalls hinreichen können, eine Vorſtellung von der Eigenthünlichkeit und dem Werth des franzöſiſchen Alexanderliedes zu verſchaffen. Das deutſche Alexanderlied des Pfaffen Lam⸗ precht oder Lambrecht iſt eine Dichtung nach Alberich's von Beſançon, Mönch zu Clugny um 11838, ver⸗
1) Villedeuil p. 125.


