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Unterhandlungen anzuknüpfen. Alexander kämpft, ſiegt und nimmt des Darius Familie gefangen. Da ruft Da⸗ rius endlich ſeinen Bundesgenoſſen Porus, den König von Indien, zu Hilfe. Aber umſonſt. Porus iſt mit ſei⸗ ner Hilfe ausgeblieben und Darius fällt von der Hand zweier Meuchelmörder, von Alexander im Sterben be⸗ klagt und getröſtet. Jetzt endlich erhebt ſich Porus zum Widerſtand und entſcheidenden Kampf, der mit ſeiner Niederlage und Fluͤcht endet. Alexander dringt in das Innere Indiens unter den mannigfaltigſten Beſchwerden und abenteuerlichen Erlebniſſen, z. B. dem Kampfe mit fabelhaften Thieren. Aus allen dieſen Kämpfen und wun⸗ derhaften Anfechtungen geht er und ſein Heer natürlich ſiegreich hervor. Nach der Eroberung Bactriana's ent⸗ ſchließt ſich Alexander zu einem Zuge nach dem Paradieſe, der phantaſtiſch ausgemalt iſt. Eben ſo abentheuerlich iſt ſein nochmaliges perſönliches Zuſammentreffen mit Porus. Nach einem Waffenſtillſtand naht der Tag der ent⸗ ſcheidenden Schlacht. In dieſer wird Porus gefangen genommen. Großmüthig behandelt erhält er ſogar ſeine Staaten wieder und dient aus Erkenntlichkeit Alexander als Führer in dem Eroberungszuge durch Indien, auf welchem zuletzt Alexander allein, nicht ohne die wunderſamſten, ja monſtröſeſten Dinge zu ſehn und zu hören, vordringt,— bis er wieder mit den Seinigen zuſammentrifft, mit denen er vereint die Wunder Indiens in man⸗ nigfaltigſter Weiſe, ſo daß eins das andere überbietet, erfährt und gleichſam durchkoſtet. Der Wunder letztes iſt dann, daß ihm ſein früher Tod prophezeit wird, eine Prophezeiung, zu deren Kunde Porus trotz aller Ver⸗ heimlichung gelangt zu ſein ſcheint; denn er ſinnt jetzt noch auf eine Verſchwörung gegen ſeinen Wohlthäter, wel⸗ che aber mißlingt, oder gar nicht in Ausführung kommt. Dagegen ſtehn ſie einander im offenen Feld gegen⸗ über, entſchließen ſich zum Zweikampf, in welchem Porus fällt. Alexander hat nun noch den von den Sternen vorgeſchriebenen Weg nach Babylon anzutreten, die Königin Candace und deren Familie gefällig und freundlich zu behandeln und endlich Babylon einzunehmen, ſo wie das beinahe vergeſſene Land der Amazonen zu erobern. Einer Geſandtſchaft der Königin der Amazonen gelingt es, ihn zur Mäßigung zu bewegen, ſo daß er das Reich dieſer Frauen verſchont und nach manchen Eroberungen und Abentheuern nach Babylon zurückkehrt. Hier veran⸗
ſtaltet er ein großartiges Bankett— und es währet nicht allzulange, ſo fühlt er, daß er vergiftet ſei und ſtirbt. Großes Wehklagen über ſeinen Tod, feierliche Beſtattung, Errichtung eines Denkmals. Die Trouvéres enden mit der Verſicherung, daß Alexander der größte König geweſen wäre: se il fu erestien; außerdem ſei die Geſchichte geſchrieben für die Könige und alle edlen Menſchen.
Das heißt denn doch, ruft der franzöſiſche Berichterſtatter Lilereuil am Schluſſe ſeines Werkes über die Alexanderſage der Trouvéres aus, die Geſchichte traveſtiren. Macht ſi ſie nicht in dieſer Weiſe des Mittelalters behandelt, denſelben Eindruck, wie die heilige Jungfrau in der Atlasrobe in nicht wenigen Kirchen Frankreichs? Damit ſcheint er zugleich ſein Endurtheil über die ganze Dichtung ausgeſprochen zu haben. Es kommt freilich einer Verurtheilung gleich; aber ſie iſt zum Theil und wenigſtens aus den angegebenen Daten nicht gerechtfertigt. Einmal ſollte die Geſchichte Aleranders ſelbſt nicht der Gegenſtand der Darſtellung ſein, ſondern nur das, was von ſeinen Thaten an und für ſich wunderbar iſt: es ſollte ein Rittergedicht ſein, deſſen ritterlicher Held Alexan⸗ der zur poetiſch fabelhaften Geſtalt ward. Was nun weiter die Verletzung der Treue des hiſtoriſchen(?) Ko⸗ ſtüms betrifft, ſo ſcheint es, als könnte auch jetzt noch franzöſiſche Verſtändigkeit ſich nicht über die pure Nüchtern⸗ heit proſaiſcher Anſchauung erheben. Oder wem könnte es oonſt in ähnlicher Weiſe einfallen z. B. über die Mei⸗ ſterwerke von Gemälden aus der altdeutſchen Schule zu lächeln, oder gar zu ſpotten, weil ſie antike Geſtalten in deutſchem und ritterlichem Koſtüm darſtellen? Wer muß nicht vielmehr ein hiſtoriſches Bild von Altdorfer hochſtel⸗ len und bewundern; ¹) ein Schlachtgemälde, welches den Sieg Alexanders über Darius darſtellt? Trotz der rit⸗
1) Man vergleiche damit die wundervolle Weihre tu des Pompejaniſchen Moſaikgemäldes der Alexanderſchlacht in Adolpb Stahr's: Ein Jahr in Italien. Zweiter Theil. 1853. S. 171.
„Der entſcheidende Sieg des Hellenenfürſten und 5 hoffnungsloſe, zermalmende Niederlage des aſiatiſchen Graßkanige in Prgend einer von Alexanders großen Perſerſchlachten.“)


