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Ueber Urſprung und Gang der Alexanderſage, ſo wie über lateiniſche, franzöſiſche, engliſche, perſiſche und türkiſche Alexanderlieder etwas zu ſagen, läge außer dem Plan dieſer Arbeit, überdies finden ſich in Bezug hier⸗ auf die gelehrteſten und gründlichſten Unterſuchungen in der vortrefflichen Ausgabe des Aleranderlieds von Weis⸗ mann in 2 Bänden, nachdem ſchon einige Jahre vorher Philippi(Sur P'origine de l'Alexandréide du Clerc Lambert. Düſſeldorf 1846) die Verwandtſchaft und Quelle des deutſchen Gedichts in Pſeudo⸗Kalliſthenes' (fabelhafter) Geſchichte der Thaten Alexanders nachzuweiſen verſucht hatte.
Nach einer von Heinrich Michelant in Paris erfolgten Ausgabe(Stuttgart 1846) ward erſt neuerlich(im Jahre 1853)¹) der Graf von Villedeuil auf die Alexanderſage aufmerkſam und hat nach den in der Bibliothéque nationale verglichenen 20 Manuſkripten, nachdem er noch andere vielleicht gleichzeitige Dichter dieſes Sagenkreiſes genannt(unter denen ſich der ſpäter zu nennende Alberich v. Beſançon findet), von Inhalt und Werth der Dich⸗ tung nach eigener Anſchauung berichtet.
Eine Hauptdichtung in Bezug auf die Sage von Alexander iſt demnach Li Romans d'Alixandre par Lam- bert li Tors et Alexandre de Bernay.
Es herrſchen die verſchiedenſten Meinungen über die Art der gemeinſchaftlichen Abfaſſung dieſes Gedichts. Von Alexandre de Bernay rührt höchſt wahrſcheinlich die mittelalterliche Staffage und die Form her. Von bei⸗ den Dichtern iſt nur bekannt, daß Lambert ein Geiſtlicher aus Chäteaudun in der Nähe von Orleans war, Alexrandre aus Bernay, einer Stadt in der Normandie. Letzterer hat außerdem noch eine Dichtung Athys und Prophilias wahrſcheinlich dem Spaniſchen nachgebildet. Die Verfaſſer erklären als Einleitung zu ihren 22,600 Verſen, es ſei der Zweck ihrer Dichtung, durch Erzählung der wunderbaren Thaten Alerander's zum Muth zu entflammen. Bei ſeiner Geburt geſchehen Wunder, obgleich er nicht der Sohn eines Gottes iſt. Hierauf folgt eine Charakteriſtik der Eltern Alexanders, beſonders ausführlich von Olympias, die unter Anderem la reine des tournois du temps iſt. Hieran knüpft Villedeuil die Bemerkung, wie es zu bedauern ſei, daß die Trouvoéres
die Sage von der Abſtammung Alexanders von dem König Neetanebus in ihre Dichtung nicht verflochten,— er erzählt daher(nach Kalliſthenes) witzig und beißend die Geſchichte der Geburt Alexanders. Auch die Jugend des Helden iſt wunderbar und nicht ohne bedeutungsvolle Träume. Das traurige Ende des Nectanebus, der ſeinen Tod durch Alexander, ſeinen Schüler, findet, wird leicht vergeſſen über des jungen Helden Geſchicklichkeit in Bändigung des Pferdes Bucephalus und über ſeinen Ritter⸗ und Turnierkünſten, ſo wie über ſeiner Kriegs⸗ tüchtigkeit gegen den übermüthigen Herrn von Cäſarea, Nicolas. Dieſer wird im offenen Felde aufs Haupt ge⸗ ſchlagen, in Cäſarea belagert, im Zweikampf endlich getödtet, ſeine Herrſchaft aber einem Feldherrn Alexander's zu Lehn(sic) übertragen. Athen dagegen entgeht durch die Dazwiſchenkunft des Ariſtoteles dem traurigen Schickſal der Unterwerfung und Zerſtörung. Ehe aber der Held ſich für dieſe ſeine Mäßigung ſchadlos hält durch die Eroberung der Welt, ſchlichtet er in energiſcher Weiſe den zwiſchen Olympias und Philipp ausgebrochenen Unfrieden. Darius hatte unterdeß als Rächer von Nicola's Tode Genugthuung von Alerander verlangt. Dieſer antwortet durch einen Heereszug von 100,000 Mann, nimmt unterwegs ein ſcheinbar unzugängliches Caſtell, kommt in Lebensgefahr durch ein Bad und den Arzt, der nicht übel Luſt hat, ihn auf Anſtiften des Darius 3u vergiften, ſich aber noch zur rechten Zeit eines Beſſeren beſinnt. Völlig wiederhergeſtellt zerſtört er die Stadt Tarſus und gelangt endlich unter die Mauern von Tyrus, das er belagert und einſchließt. Sein Aufbrechen ge⸗ gen Gadres ¹) benutzen die Tyrier zu einem blutigen Ausfall, den endlich Alerander durch Eroberung der Stadt rächt. Nach der Einnahme von Gadres finden wir ihn bald in Jeruſalem und nicht lange darauf aufs Neue ge⸗ gen Darius gerichtet. Dieſer im Anfange keck herausfordernd, dann mit einem Mal verzagt, ſucht vergeblich
1) Légende d'Alexandre le Grand au XIIe siècle d'après les manuscrits de la bibliothéque nationale pPar le Comte de Villedeuil. Paris 1853. 3
2) Gaza.


