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Poeſie ſchloß ſich die des nördlichen Frankreichs eng an; ſo daß ſich die auffallendſte Aehnlichkeit in Behandlung derſelben Stoffe, vorzugsweiſe auch in der Epopöe zeigt, die in demſelben Ton und Charakter gehalten iſt. Der einzige Unterſchied beſteht dem Anſchein nach nur in der Verſchiedenheit des Dialekts; bei genauerer Betrachtung der merkwürdigen Gleichheit entdeckt man freilich, daß die Dichtung der nordfranzöſiſchen Trouvéres nur eine nach⸗ geahmte, eine bloße Copie des provengaliſchen Originals iſt.
Man ſtellt die nicht unwahrſcheinliche Vermuthung auf, daß die erſten Trouvéres zugleich mit der Erlernung der langne d'oc die Dichtungen der Provengçalen in ihrem eigenen Idiom nachbildeten. Thatſache iſt dagegen auf der andern Seite, daß die Troubadours die franzöſiſche Sprache gekannt und in dieſer ſelbſt gedichtet haben, wo⸗ durch ſie leicht zum Muſter hatten dienen können. Ihr eigenes Intereſſe, ihr wanderndes Leben in faſt alle Ge⸗ genden Europa's mußte ſie veranlaſſen, ihre mit großer Begierde, ja mit Begeiſterung aufgenommenen Dichtungen auch in andere Sprachen zu übertragen,— wie viel mehr noch in diejenige, welche wie die nordfranzöſiſche die auf⸗ fallendſte Aehnlichkeit mit der ihrigen hatte. So findet man denn Troubadours in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, welche franzöſiſche, italiäniſche und ſpaniſche Verſe machten. Gaucelm Favdit, einer der fruchtbar⸗ ſten und gewandteſten Troubadours, verfertigte eine Dichtung ganz in franzöſiſcher Sprache; dieſe Dichtung war zudem an eine von ihm verehrte franzöſiſche Dame gerichtet. Ja es kam dann ſpäter in dem außerordentlich le⸗ bendigen Verkehr der Troubadours und Trouvoéres ſo weit, daß beide faſt in einander aufgingen, dergeſtalt daß ſie mit einander Sprache und Poeſie austauſchten; daß franzöſiſche Dichter provengaliſche Verſe machten; daß um⸗ gekehrt, welches Letztere am häufigſten der Fall war, provengaliſche Dichter das franzöſiſche Idiom dichtend culti⸗ virten; daß endlich ſehr viele Dichtungen aus einer Miſchung beider Idiome beſtanden.
In welchem Verhältniß ſteht nun die deutſche Dichtung des 12. Jahrhunderts zur provengaliſchen? Welche Berührung hat Deutſchland mit den Provengaliſchen Landen? Im Allgemeinen iſt der Verkehr und Austauſch kein unmittelbarer und wird großentheils nur durch den Norden Frankreichs vermittelt. Dagegen fehlt es auch wieder nicht an Nachrichten von dem Aufenthalt der Troubadours in den Lagern und am Hofe der deutſchen Kai⸗ ſer in Italien, und daß ſich eine nicht unbeträchtliche Zahl dieſer Sänger daſelbſt zu verſchiedenen Zeiten einfand. So läßt ſich wohl erklären, wie es möglich war, daß die epiſche Kunſtdichtung, vorzugsweiſe die romantiſch epiſche des 12. und 13. Jahrhunderts, in Deutſchland eine in Bezug auf Darſtellung und Inhalt bald mehr, bald we⸗ niger freie Uebertragung aus dem Provengaliſchen und Franzöſiſchen Idiom war. Darum ſind denn auch die gro⸗ ßen Dichtungen dieſer Zeit angelehnt an fremdländiſche Originale oder geradezu überſetzt, wie es die Verfaſſer entweder ſelbſt bekennen, oder wie man aus Ton und Inhalt ohne Weiteres ſchließen kann. Auffallend genug bleibt es dagegen, daß ſich ungeachtet des prävalirenden Einfluſſes provençaliſcher Dichtung im Epos die deutſche Lyrik der Minneſänger hat freier und ſelbſtſtändiger an ſich und im Vergleich mit der lyriſchen Poeſie der Trou⸗ vores entwickeln und ihren eigenen Weg, unbeirrt von den Muſtern des Südens, einſchlagen können. Das Allge⸗ meinſte nun, was ſich in Bezug auf den Inhalt der Epopöen der Troubadours ſagen läßt, iſt das, daß der Ge⸗ genſtand, das Thema ihrer gereimten Erzählungen entweder eine Fiktion war, oder daß ſie wahrhafte Begebenhei⸗ ten zu Grunde legten, wie die Kämpfe mit den Sarazenen und die großen Begebenheiten des erſten Kreuzzugs, oder daß ſie endlich ſelbſt einen heidniſchen Helden, wie Alexander den Großen beſangen,„an deſſen Ferſen ſich ſchon von ihm ſelbſt begünſtigt, der dichtende Volksgeiſt heftete, der ſchon in früheſter Zeit die unerhörten Thaten deſſelben mit den Gebilden einer regen Phantaſie ausſchmückte. Jedes Zeitalter, jedes Volk, jedes Land prägte dem Werke, das, wie ſein Held ſelbſt, ein Gemeingut Aller geworden war, ſeine Vorſtellungsweiſe und ſeine ei⸗ genthümlichen Ideen auf, änderte, um ihn zu dem Seinigen zu machen, Vieles und fügte hinzu, was ihm be⸗ kannt und werth war von einheimiſchen Sagen. ¹)“
1) Alexander⸗Gedicht des 12. Jahrh. vom Pfaffen Lamprecht von Dr. Heinrich Weismann. 1. Band. 1850. pag. X.


