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der urſprüngliche Geiſt einer Nation ausgeſprochen iſt.“ Vor Allem hat die Literatur der Deutſchen ſich in orga⸗ niſcher Selbſtſtändigkeit entwickeln, hat in rechter Gliederung an das Heldenlied die Epopöe, an die Epik die Ly⸗ rik, an beide das Drama und die Proſa reihen können. So iſt es denn die deutſche Literatur und ſie allein, die Alles, was auf dieſem Gebiete dem Germanen möglich und ihm zur Aufgabe geſetzt iſt, in einem vollen In⸗ begriffe verwirklicht zeigt.)
Im Gegenſatz zum epiſchen Volksgeſang, der im 10. Jahrhundert in Deutſchland ſich entwickelte, erhob ſich die epiſche Kunſtdichtung im 12. Jahrhundert. Das Gebiet dieſer Epik iſt das Ritterthum. Die Thaten der ritterlichen Helden werden an hervorragende hiſtoriſche Perſonen geknüpft. Das Eigenthümliche dieſer Dichtungen iſt, daß Germanen, ſo wie romaniſche Nationen dieſelben Stoffe bearbeiten, daß daher das nationale Intereſſe verſchwin⸗ det. Dazu geſellt ſich ein neues Element, das bald alle andern Intereſſen überwältigt, der epiſchen Poeſie ein völlig neues Leben einhaucht, das religiöſe, das chriſtliche Element.„Der Sieg des Chriſtenthums im weltlichen Kampfe iſt jetzt der einzige Gedanke, der die Helden bewegt, das letzte Ziel ihrer Handlungen. Es liegt eine Beſchränkung in dieſem Abwenden von allen andern Aeußerungen des Lebens, aber ohne ſie wäre die Begeiſter⸗ ung nicht bis zu ſolcher Gewalt gelangt, daß ſie Jahrhunderte hindurch die Richtung der Welt hätte beſtimmen können.“ W. Grimm.
So ſehr man geneigt wäre zu glauben, daß die religiöſen Gedichte, die chriſtlich myſtiſchen Ritterepopöen von Geiſtlichen herrühren müßten, die ohnehin in den drei erſten Vierteln des 12. Jahrhunderts die einzigen Träger der Epik waren, ſo findet doch in Wirklichkeit faſt das Gegentheil Statt. Die Gral'sſage hat in Parcival ihre umfaſſendſte Bearbeitung, ihre tiefſinnigſte Deutung gefunden. Und doch iſt der Dichter, zu Anfang des 13. Jahrhunderts lebend, ein Laie, ein Ritter. Umgekehrt lernen wir in den Geiſtlichen die Verfaſſer von Dichtungen weltlichen Inhalts kennen. Ihnen verdanken wir eben ſo die Erhaltung der nationalen Heldenſage. Solche Ge⸗ genſätze verlieren indeß ihre Schärfe, wenn wir uns die wunderbare Zeit des 12. Jahrhunderts ins Gedächtniß zurückrufen, in welcher die Geiſtlichkeit in der von Grund auf umgewühlten, nach dem Höheren gerichteten, in heiliger Wanderung begriffenen menſchlichen Geſellſchaft„mitten in das Leben des Volkes hinein und mitten aus dem Volke trat;“ eine Zeit, in der auch der Biſchof den Panzer trug, wo auch der Ritter ein Mönch ward. ²)
Unter dieſen dichtenden Geiſtlichen überragt ſeine Zeitgenoſſen ein Weltgeiſtlicher, der Pfaffe*) Lamprecht mit ſeinem Alexanderlied. Ueber die Perſönlichkeit dieſes Dichters iſt ſo gut wie nichts bekannt. Hat man doch ſelbſt an der Exiſtenz des deutſchen Namens gezweifelt und die Worte zu Anfang des deutſchen Gedichtes: der Pfaffe Lamprecht hat's gedichtet, auf einen franzöſiſchen Dichter Lambert bezogen. Offenbar iſt der Dichter ein gelehrter Geiſtlicher geweſen und hat wahrſcheinlich, wie viele deutſche Geiſtlichen des 12. Jahrhunderts die Hochſchule von Paris beſucht,— wie ſchon im 11. Jahrhundert deutſche Kleriker in der Schule Lanfranes im Kloſter Bec ſich befanden. Man kann dieß aus der genauen Bekanntſchaft Lamprecht's mit der franzöſiſchen Dichtung, beſonders der Epopöe ſchließen. Im Süden Frankreichs aber, in der provengaliſchen Poeſie iſt der Urſprung des romanti⸗ ſchen Epos, gleichſam die Erfindung dieſer Art der Epopöe zu ſuchen.*)
Die Provengalen beſaßen einen groſſen Reichthum an epiſchen Dichtungen, deren Blüthezeit mit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu Ende iſt, nachdem ſchon im Jahre 1245 der Pabſt Innocenz IV. die provengali⸗ ſche Sprache als eine ketzeriſche erklärt und deren Gebrauch den Studirenden unterſagt hatte. An die provengali⸗
¹) Geſchichte der deutſchen Literatur. Wilhelm Wackernagel. Baſel 1818. S. 30.
2) Gervinus Vierte Ausgabe. Leipzig 1853. 1. Band. S. 212. ſo ii;
3) Die althochdeutſche Bezeichnung für Geiſtlicher iſt pfaffo: ein érhaft pfaffo iſt ein ehrhafter Geiſtlicher, alſo nichts weniger als ein Schimpf.
4) Histoire de lua poésie Provençule par. M. Fauriel. Puris 1816.
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