Aufsatz 
Das Alexanderlied des zwölfen Jahrhunderts
Entstehung
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Völker zurück, ja die poetiſche Darſtellung iſt mit der Bildung und dem erſten Gebrauch menſchlicher Rede bei allen Völkern Eins.

Daher ſind die ſchriftlichen Denkmäler aus der älteſten Zeit poetiſcher Natur, daher iſt die älteſte heilige Ur⸗ kunde der Inder(die Vedas) in achtſilbigen Jamben geſchrieben und ſelbſt das vielleicht eben ſo alte Geſetzbuch Menu's iſt ſeinem Geſammteindruck nach mehr ein dichteriſches Sittengemälde, eine erhabene und begeiſterte Lehre von Gott und göttlichen Dingen, von der Entſtehung der Welt und der Menſchen. Achtſilbige Jambiſche Vers⸗ zeilen aber in Doppelreihen:(als Diſtichen) die Sloka, datiren der Sage nach von der Erfindung der Dichtkunſt überhaupt. Als nämlich der indiſche Weiſe Valmiki in ſtillem öden Hain von einem wunderlieblichen Vögelpaar, das friedlich in ſeinem Neſt ſaß, das Männchen grauſam ermorden ſah, da ergriff ihn der tiefſte Schmerz. Die⸗ ſen Schmerz drückte er in rhythmiſcher Rede aus. Das Gleichmaß der elegiſchen Worte war der zweizeilige kurze jambiſche Vers, das indiſche Diſtichon oder die Sloka.

In der Form des indiſchen Diſtichons wird die Sage, die religiöſe Vertiefung und Geheimlehre, ſo wie die Spruchweisheit gefaßt, und gleichzeitig mit dem Klagelied in dieſer Urform des Metrums die Epopöe gedichtet. Gehören nun auch Klagelieder nach der angeführten Sage wirklich zur älteſten indiſchen Poeſie, iſt ſelbſt in der griechiſchen Poeſie vor Homer der Geſang Linos elegiſcher Natur, eine Klage nämlich um den Sohn der Ura- nia, einen Knaben von wunderbarer Schönheit, der einer Sage der Argiver nach von wüthenden Hunden zer⸗ fleiſcht wurde; ſo liegt doch in beiden Dichtungen ein epiſcher Grundton. Die Klage um den ermordeten Vogel (ein Sinnbild zärtlicher Liebe) mußte ſicher zum Theil die Form des Erzählens von dem trauxrigen Hergang an⸗ nehmen. Das Trauerlied Linos aber, wahrſcheinlich die Perſonifikation des unerbittlich dahin ſchwindenden Früh⸗ lings, den die Glut des Sommers tödtet, eine auch den Germaniſchen Völkern geläufige Vorſtellung, aus wel⸗ cher ſie zum Theil ſpäter ihr größtes Volksepos geſtalten, hat eben ſo gewiß das traurige Schickſal des Halbgottes oder Sängers, zu dem er ſpäter gemacht worden war, epiſch dargeſtellt. Die epiſche Darſtellung iſt demnach hi⸗ ſtoriſch die erſte und älteſte. Aus ihr, als dem Urquell, entſpringt die lyriſche und die dramatiſche Dichtkunſt. Daß aber das Epos ſich am früheſten ausgebildet, dafür ſprechen folgende Gründe: Das erſte Auftreten, die Exiſtenz eines Volkes in ſeinen Anfängen gleicht dem Leben eines Kindes. Noch ſind beide ihrer eigenen Em⸗ pfindungen, ihres Ich's ſich nicht bewußt. Ein Zurückgehn auf das eigene Innere iſt durch die Gewalt der Ein⸗ drücke der äußeren ſie umgebenden Welt gehemmt. Die Friſche, der Wechſel, der Reichthum, die unendliche Verſchiedenheit der Natur und des Menſchen ſind von ſo zwingender Eindringlichkeit, daß ſie keine Reflexion auf⸗ kommen laſſen. Die Objectivität iſt das große, Allen gemeinſame Gebiet, aus der heraus der gemeinſame Blick erhabene Geſtalten, Heroen erblickt, die mit Bewunderung erfaßt, Gegenſtand des hiſtoriſchen Liedes werden. Aber auch über ſich erkennt der kindliche Geiſt ein höheres Weſen, und von dieſem berichtet er das Wunderbare und Erhabene in ſeinem religiös mythiſchen Liede.

In dem größeren Epos verſchwindet der Dichter in dem Gegenſtand, in welchem ſich das naive Bewußtſein einer Nation poetiſch darlegt. Auch der Held handelt nicht frei aus ſich und für ſich, ſondern er iſt gleichſam ein Glied der großen Kette, an welcher die Individuen zu einem Volk zuſammengehören, ein Ganzes bilden. Ueber die That und dem Ereigniß aber waltet das Schickſal, das die Menſchen richtet und zum Leiden und Trauern verurtheilt.¹) So hat ſich naturgemäß bei jeder bedeutenden Nation aus kleinen Anfängen, aus einzelnen Lie⸗ dern der gemeinſamen Helden⸗Sage eine Epopöe geſtaltet, jede große Nation hat ſolcheGrundbücher, in denen

1) Achilles trauert ſchon im Leben über ſeinen Tod. Er und Agamemnon ſind Schatten im Reiche der Todten. Aeneas erfährt auf ſeiner Wanderung mannigfaches Leid. Chriemhilde's Schmerz und Zorn erregt und führt den Kampf der Vernichtung herbei.

Gudrun erleidet bittere Kränkung und Schmach. Rama im Peldengedicht der Indier iſt unglücklich, verbannt, in ſtetem Kampf mit Gefahren und Leiden.