Aufsatz 
Das Turnen in Neisse
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Indeß jeder Gebildete ſollte ſich wenigſtens eine, eben nur für Laien hinreichende, Kennt⸗

niß ſeines inneren Menſchen zu erwerben ſuchen. Denn es gibt der Fälle nicht wenige, wo man damit unzähliges Gutes zu bewirken und alſo zum allgemeinen Beſten wohlthätig beizutragen vermag. Geit meiner Ankunft in Neiſſe konnte ich meine Schüler nur theoretiſch mit den bei Turn⸗Übungen unerläſſlichen anatomiſchen Bruchſtücken bekannt machen, indem mir zur demonstratio ad oculos nichts zu Gebote ſtand, als der trepanirte Schädel einer in Hirſchberg begrabenen alten Frau, die wegen Gehirnwaſſers verrückt, in Folge deſſen trepanirt und wiederum in Folge der wahrſcheinlich ſekundären Folgen der Trepanation eine Beute des Todes geworden. Ich zeigte an dem, mit brennendem Wachsſtock erleuchteten, Schädel die dünnen Stellen deſſelben und warnte vor den gefährlichen Folgen, die durch Püffe und Stöße darauf entſtehen könnten.

Im vorigen Winter hingegen betrieb ich die Sache mehr en gros, weil ich über ein voll⸗ ſtändiges männliches Geripp verfügen konnte, und ich beutete dieſe Gelegenheit zu Nutz und Frommen meiner Schüler auf das Beſte aus. Ich begann mit der Knochenlehre und be⸗ diente mich hierbei vorzugsweiſe des oben angeführten Werkes von Clias.*)

Ohne mich in anatomiſche Details einzulaſſen, die man ja in jedem derartigen Lehrbuche finden kann, will ich aphoriſtiſch nur derjenigen Bemerkungen gedenken, die ich hier und da bei dem gedrängten Vortrage der geſammten Oſteologie eingeſtreut und womit ich dem Ge⸗ dächtniſſe meiner Schüler zu Hilfe zu kommen beabſichtige.

Ich ſprach zunächſt davon, daß man im gemeinen Leben ein Geripp irrigerweiſe ein Skelet nenne. Xaeldœ oder αεκ‿⁴εο heiſſt: hart machen, austrocknen, und ein oxε4ετν σννα oder 6 0b ʃ1ε εας heiſſt alſo: ein ausgetrockneter Körper, eine Mumie nur daß dieſe ſtatt der herausgenommenen Eingeweide mit Spezereien gefüllt, die blutlos gemachten Adern eben⸗ falls mit conſervirenden Stoffen ausgeſpritzt ſind und das Gehirn entfernt worden.

Die Knochen beſtehn aus phosphorſaurer Kalkerde und Gallert, und da Säuren die erſtere auflöſen, ſo daß nur die Gallert übrig bleibt: ſo thut man wohl, den ſteten Genuß von ſauren Nahrungſtoffen zu vermeiden, weil dieſelben leicht der Ausbildung und Feſtigkeit des geſamm⸗ ten Knochenſyſtems hinderlich werden können. Hierzu bemerkte ich beiläufig, daß der fort⸗ währende Genuß ſaurer Weine häufig zur Entſtehung von Gicht und Harnſteinen beitragen könne, indem die durch jene Getränke uͤberflüſſig gewordene Harnſäure die Knochenerde auflöſe und ſich mit ihr zu Concretionen, Gichtknoten oder Harnſteinen verbinde. Die beſten Gegen⸗ mittel ſeien hier erdige oder alkaliniſche Medikamente.

Uberhaupt gehört zur heilſamen Verarbeitung von nahrbaften Speiſen und Getränken eine durchgreifende koͤrperliche Bewegung, wenn nicht Stockungen, Blutwallungen und das daraus entſtehende Heer von Krankheiten den Körper erfolgreich angreifen ſollen. Das bloße Laufen huin nich, obgleich es, in Ermangelung anderer Motion, immer noch beſſer iſt, als Stuben⸗

Auch hüte man ſich vor zu vielem Schlafen! Geiſt und Körper werden ſchlaff davon. Der Langſchläfer bekommt dickes Blut, iſt ewig verdrieſſlich und megufrſenn. hindhe ſeine Umgebungen, und kann ſich auf ſolche Weiſe ſehr widerwärtig machen. Gehört er dem Ge⸗ lehrten⸗Stande an: ſo werden ſeine Arbeiten zuweilen viel Phlegma und wenig Spiritus enthal⸗ ten. Fünf bis ſechs Stunden im Sommer, und ſechs bis ſieben Stunden im Winter länger ſchlafe man nicht, wenn man geiſtig und körperlich friſch bleiben will. Aurora musis amica iſt übrigens ein ſo abgedroſchenes Gelehrten⸗Sprüchlein, daß ich es hier eben nur erwähne, ohne mich auf Gloſſen dazu einzulaſſen.*)

) Ein Schuͤler ſtuͤrzte, nachdem etwa eine halbe Stunde lang jeder einzelne Theil des Gerippes gezeigt und erklaͤrt worden, ohnmaͤchtig zuſammen und erholte ſich erſt nach langer Zeit wieder.

) Ein Zehnſtunden⸗Schlaͤfer eonſumirt von ſeinem irdiſchen Daſein, wenn er daſſelbe nur bis auf 60 Jahre gebracht, ungefaͤhr 2 ½ Jahr.*

2