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Lebensdocht durch na rhafte Speiſen aufhelfen; aber die ſchwache Lebensflamme kann ſoviel Oel nicht verzehren. Und ſo ſterben viele Kinder in der Ueberfülle des Lebensſaftes u. ſ. w. ——— Solchen ſchwächlichen Kindern kann nur Bewegung in friſcher, freier Luft helfen. Aber der kräftigſte Feind der Hyſterie ꝛc. iſt dieſe Muskelbewegung, welche die Lebenskraft über Begreifen erhöht und ſtärkt. Grauſenerregend ſind die Fortſchritte, die das Schiefwerden, die Lach⸗, Wein⸗, Kopf⸗, Bruſt⸗, Magen⸗, Unterleibskrämpfe und die Kopfgicht unter dem weiblichen Geſchlechte machen. Das fortwährende Sitzen und die fortdauernde Muskel⸗ Unthätigkeit bei den übernahrhaften und bluterhitzenden Nahrungsmitteln bringen das Blut und die Säfte zum Stocken und unnatürlich erhitzten Zuſtande.——— Wie man übrigens einſieht, daß etwas geſchehen müſſe, geht ſchon daraus hervor, daß man die Mädchen exerciren läſſt, nebenbei ein Zeichen, daß man aus einem Extrem leichter in das andre fällt, als daß man die Mittelſtraße geht. Ob dieß Einexerciren durch einen Unterofficier dem weiblichen Charakter näher liege und paſſender ſei, als daß ſie angeleitet werden, für ſie nur
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allein beſtimmte Uebungen zu machen, überlaſſen wir Sachverſtändigen.“
Dr. Werner ſagt in der Vorrede zu ſeiner Amöna p. V.:„Der weibliche Körper, nach ſeinem Organismus und ſeiner Beſtimmung, bedarf der Bewegung und naturgemäßen Auſſerung, Übung und Ausbildung ſeiner Kraͤfte. Dieſem Naturgeſetze arbeitet unſere Er⸗ ziehung und die gewöhnliche Lebensweiſe der meiſten Frauen entgegen. Zu einem ewigen Sitzen, und noch dazu zum Krummſitzen, verurtheilt, rächt ſich die Natur, indem ſie tauſend Krankheiten innerlich und auſſerlich erzeugt, denen man dann durch Arzeneimittel zu begegnen ſucht, deren Quelle man aber nicht verſtopft, und die ſich daher immer wieder erzeugen, ſo daß ein ſieches Geſchlecht die traurige Folge davon iſt.“—
Was bedarf es da noch weiter Zeugniß, wo bereits ſo gewichtige Stimmen laut gewor⸗ den, und die Erfahrung langer Jahre ſo überredend und ſchlagend geſprochen! Nur muß grade bei'm Maͤdchenturnen das dulce auf gleicher Stufe gehalten werden mit dem utile. Man muß der Anmuth und weiblichen Grazie durch die Art der Übungen keinen Abbruch
geſchehen und keiner Turnerin etwas Unweibliches ungerügt durchgehen laſſen. Junge Mäd⸗ chen ſind wild, das iſt eine bekannte Sache. Man leite aber dieſen wilden Strom in ſtreng begrenzte und doch dabei blumengeſchmuͤckte Ufer; denn der duftige Blütenſtaub weiblicher Verſchämtheit und Zartheit darf nicht mit roher Hand abgeſtreift werden. Ganz beſonders aber halte man bei'm Klettern der Madchen die Augen offen, daß hier keine Sünde Wurzel
faſſe, die da verderblich fortwirken kann von Geſchlecht zu Geſchlecht!
Es haben hier ſeit zwölf Jahren etwa achtzig Mädchen mit dem beſten Erfolge geturnt. Mehre von ihnen ſind bereits Mütter, und grade ſie werden in einer ihrer ernſteſten und heiligſten Lebensſtunden am innigſten überzeugt geweſen ſein von dem unleugbaren Nutzen der
Gymnaſtik für den weiblichen Köoͤrper.
IV. Anatomiſch⸗gymnaſtiſche Bemerkungen.
Wer ein Werkzeug zweckmäßig gebrauchen will, muß es zuvor in allen ſeinen Theilen genau kennen gelernt haben; und wer ſich ſeiner dennoch ohne dieſe Kenntniß bedient: der tappt im Dunklen und folgt nur ſeinem Inſtinkte. So iſt es mit der Kenntniß des menſch⸗ lichen Körpers. Es gibt Millionen Menſchen, die in Bezug darauf nur wiſſen, daß ſie die Beine zum Laufen, die Hände zum Greifen und den Hals zum Schlingen haben. Und dieſes Wiſſens⸗Quantum genügt den Leuten vollkommen! Sie werden alt dabei und bilden ſich noch Khds darauf ein, daß ſie mit ſowenig wiſſenſchaftlichem Gepäck ſoweit hineingeduſelt in's Leben.


