Aufsatz 
Das Turnen in Neisse
Entstehung
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7 2 III. Einige Worte über Mädchenturnen.

Die mit ihrem praktiſchen Sinne gleichſam ihrem ſechsten begabten Engländer ſind zuerſt auf den glücklichen Gedanken gekommen, daß wol die Gymnaſtik auch für Mädchen nicht ſo übel ſein möge, indem das weibliche Geſchlecht der Geſundheit und Körperkraft ebenſo gut bedürfe, als das männliche. Der Berner Artillerie⸗Officier Clias) hatte im Jahre 1820 ein Buch unter dem Titel herausgegeben:Anfangsgründe der Gymnaſtik oder Turnkunſt, war in Folge deſſen zunächſt nach Paris eingeladen worden, um dort die Gymnaſtik zu lehren, und folgte dann im Jahre 1822 einem zu demſelben Zwecke an ihn ergangenen Rufe nach England, wo er auf das Freundlichſte und Ehrenvollſte aufgenommen wurde. Er nannte die Maͤdchen⸗ SumaſitKalliſthenie, Schönſtärkung, oder Ubungen zur Schoöͤnheit und Kraft für

ädchen.

Miß Maſon, eine ſeiner Schülerinnen, gab im Jahre 1827 ein Buch über die Kalliſthenie in engliſcher Sprache, und Clias ſelbſt ein ähnliches in deutſcher Sprache im Jahre 1829 heraus. Seit jener Zeit ſind mehre ſolcher Werke erſchienen. Mir liegen in dieſem Augenblicke die von Heldermann, Werner und Euler vor, aus denen ich Einiges werde folgen laſſen.

Wird denn das weibliche Geſchlecht ſagt Heldermann S. 4 obgleich ſein Wirkungs⸗ kreis beſchränkter iſt, als der des männlichen, nicht auch oft im Leben körperlichen Anſtrengun⸗ gen ausgeſetzt, welche bedeutenden Aufwand an Kraft erfordern? Geräth nicht das weibliche Geſchlecht ebenſowol, als das männliche, oft in Gefahren, aus denen nur körperliche Kraft und Gewandtheit retten? Wird nicht das weibl. Geſchlecht oft ebenſowol, als das männliche, den Angriffen der rauhen Witterung, der Hitze und Kälte ausgeſetzt, gegen deren verderblichen Einfluß auf die Geſundheit nur fruͤhe Abhärtung ſchützt? Und wenn wir den künftigen Zweck der weiblichen Jugend betrachten wie wichtig muß uns dann die körperliche Ausbildung derſelben erſcheinen?!.

Von der guten Leibesbeſchaffenheit der Mütter hängt die der Kinder, ſagt Hahnemann und fährt dann fort:Mit der zuweit getriebenen Weichlichkeit der Weiber hebt die Weichlich⸗ keit der Männer an.

In gleicher Beziehung ſagt J. J. Rousseau:Quand les femmes deviennent robustes, les hommes le deviennent encore plus.

Und Karoline de la Motte Fouqué:Ein heiliges Gefäß iſt der Leib der Frauen, in welchem Gott den ewigen Gedanken geſtaltete. Die Mütterlichkeit iſt ſein hoher Beruf, darauf deutet die Organiſation der Frauen. Wer betrauert nicht in der verkümmerten Geſtalt den geſtörten Organismus eines Weſens, deſſen heiliger Beruf Geſundheit des Leibes und durch ſie bedingte Freiheit und Heiterkeit des Geiſtes erfordert.

Euler läſſt ſich in ſeiner trefflichendeutſchen Turnkunſt, pag. 21, über dieſen hoch⸗ wichtigen Gegenſtand folgendermaßen aus:Wie aber das künftige Geſchlecht die erſten Jahre ſeines Daſeins auf das Innigſte mit dem mütterlichen Leben zuſammenhängt, ſein Leben von ihrem Leben empfängt: ſo kommt es auf die mütterliche Lebenskraft an, ob das künftige Ge⸗ ſchlecht ſchwächlich, kränklich, zwergartig, oder ſtark und dauerkräftig iſt. Die Hyſterie, Melan⸗ cholie, das reizbare Nervenſyſtem und anderweitige Schwäche der debenskraft, ſogar das un⸗ regelmäßige Knochen⸗Wachsthum der Mutter, finden in dem werdenden Geſchlechte vielfältige Abdrücke. Die ſchwächliche und darum doppelt zärtliche Mutter will dem ſchwachglimmenden

4) Als ein wahrhaftes Curioſum fuͤhre ich an, daß Clias von einem unvorſichtigen, etwas bulldoggigen jungen Lerd bei'm Bockſpringen geſtoßen wurde und einen Bruch davontrug, fuͤr welches ungluͤck ihm eine lebenslaͤngliche Penſion von 200 Pfd. Sterling oder 1400 Thalern ausgeſetzt wurde ein Suͤmmchen, welches ihm in jedem anderen Lande der Erde nicht zehn Bruͤche eingetragen hätten. Eben erinnere ich mich noch eines Curioſums. Im Jahre 1839 erhielt der Petersburger Turnlehrer des Cadetten⸗Corps Dr. Mandelini vom Kaiſer Nikolaus den Stanislaus⸗Orden II, Klaſſe.