Aufsatz 
Das Turnen in Neisse
Entstehung
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2. Die Streckſchaukel.

Dieß iſt ein zolldicker, etwa drei Fuß langer Stab, deſſen eingekerbte Enden mittelſt zweier halbzölligen Taue an der Decke ſo befeſtigt werden, daß die oberen Tau⸗Enden näher zuſammenſtehn, als die unteren, und das Ganze ungefähr die Geſtalt eines gleichſchenklichen Dreiecks erhält. Die Höhe des Stabes von der Erde richtet ſich nach der Größe der Schüler. Unſere Streckſchaukeln ſind zwiſchen 36 und 40 Zoll vom Boden entfernt.

Die beiden Haupt⸗Uebungen an dieſem überaus nützlichen Turngeräth ſind: Strecken und Schaukeln. Deſſhalb der Name.

a. Strecken. Es ſieht ſo einfach aus und ſo leicht, ſich an dieſem Stocke mit geſchloſſe⸗ nen Füſſen, allmälig zu ſtreckenden Armen, völlig geſtreckten Beinen und aufwärts gerichtetem Kopfe hinabzulaſſen, und dann wieder mit ganz geſtrecktem Körper, das Kreuz eingezogen und die Augen nach Oben gerichtet, aufzuſtehn, daß man es gar nicht glauben ſollte, wie ſchwer dieß iſt. Die Meiſten erheben ſich mit gekrümmtem Rücken und geſenktem Kopfe.

Intereſſant und phyſiologiſch merkwürdig iſt es, daß faſt Alle, beſonders Erwachſene, die ſich zum erſten Male richtig geſtreckt und, was beſonders ſchwierig, richtig wieder aufgerichtet haben, den dritten Morgen nachher einen penetranten Schmerz im Unterleibe fühlen, der längere oder kürzere Zeit anhält, je nachdem der Organismus beſchaffen, und z. B. das Nieſen, Huſten oder Lachen zu den ſchmerzhafteſten Operationen macht. Ja, ein hieſiger, etwas wohlbeleibter Herr, welcher einſt vor mehren Jahren dem Herrenturnen als Zuſchauer beiwohnte und ſich auf das Zureden ſeiner Freunde nur zweimal rite geſtreckt, iſt am dritten Morgen nachher nicht im Stande geweſen, ſeine Beine ohne fremde Hilfe aus dem Bette zu heben, und ebenſowenig, ſeinen Rock anzuziehn.

Deer Grund dieſer Erſcheinung liegt in der ungewohnten Ausdehnung der Bauchmuskeln, die grade durch dieſe Übung etwas ſtark in Anſpruch genommen werden.

b. Schaukeln. Man ſchaukelt ſich, den Stock mit beiden Händen im Aufgriff gefaſſt, mit geſchloſſenen Füſſen, geſtreckten Beinen, gekrümmten Armen und hoch gehaltenem Kopfe mehre Male, ohne den Boden zu berühren, hin und her und zwar ſo, daß man zu Anfang und zu Ende der Uebung die Arme ſtreckt, ſie aber in der Mitte derſelben ſoweit kruͤmmt, daß man mit der Bruſt den Stock berührt.

Auch dieß iſt nicht leicht und erfordert eine tüchtige Muskulatur des Unterleibes, der Beine, Arme und des Kreuzes.

c. und d. Rückwärts überſchlagen vom Boden aus, und indem man auf dem Stocke ſitzt und die Taue ganz unten angefaßt hält, Erſteres, indem Ober⸗ und Unterleib einen rechten Winkel bilden und die Beine geſtreckt ſind, Letzteres mit geſtrecktem Oberkörper und ſo, daß während des Ueberſchlags nach Hinten Schenkel, Kreuz und Rückgrat eine grade Linie bilden Beides überdieß mit geſchloſſenen Füſſen.

e. Seitwärts durchſpringen vor⸗ und rückwärts. Beine geſtreckt, Füſſe geſchloſſen, Aufſprung auf die Fuſſſpitzen.

1. Durchſteigen vor⸗ und rückwärts. Hände möglichſt hoch an den Tauen, ohne jedoch ihre Stelle während der ÜUbung zu verändern. Bei'm Niederlaſſen nach Vorn berührt man mit den Fuſſſpitzen den Boden.

. Wende⸗Aufſitzen. Die Taue, den Stock vor ſich, hoch angefaſſt und ſich rittlings in den Sitz gehoben. Dieß bei jedesmal veränderter Körperfront mehrmals gethan, ohne jedoch die Erde zu berühren.

h. Scheere und Neſt. Man hebt ſich, den Stock vorn und die Taue möglichſt hoch faſſend, empor, läſſt ſich mit geſtreckten Beinen und nach Unten gerichteten Fuſſſpitzen rittlings efne dem Stocke binab, ohne ſich jedoch zu ſetzen, und wiederholt dieß, die Beine wechſelnd,

e.

Dann, um das Neſt zu machen, kniet man auf den Stock, rutſcht mit den Füſſen bis an die Enden deſſelben, läſſt ſich in die Ellenbogen fallen und bleibt einige Zeit in dieſer, die Bruſt, den Unterleib und die vorderen Muskeln der Beine ausdehnenden, übrigens nicht grade ſehr äſthetiſchen, Stellung. 3

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