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schätzen und ihn im zweiten Teil von Wilhelm Meister noch das wanderfrohe Lied mit der Strophe„Wo wir uns der Sonne freuen, sind wir jede Sorge los“ dichten liess, führte ihn nun auf eine Reise, die für den immerfort sich Ent- wickelnden von grosser Bedeutung werden sollte. Waren es früher nur mehr gelegentliche Ausflüge, welche den Dichter an den Rhein brachten, so wird jetzt eine Reise unternommen zu dem ganz ausdrücklichen Zweck, sich über die Kunstbestrebungen im Rheinland zu orientieren und eine Wiederbelebung des rheinischen Kunstlebens anzuregen. Nachdem die von Frankreich zurückeroberten Rheinprovinzen 1814 zu Preussen geschlagen worden waren, entstand die Frage, wie die dort vorhandenen Altertümer und Kunst- schätze gesammelt und aufbewahrt werden sollten. Ein Kölner Kind, Sulpiz Boisserée, hat das bleibende Verdienst, den damals schon eine geistige Grossmacht darstellenden Dichterfürsten für das rheinische Kunstleben im allgemeinen und insbesondere für das Projekt der Vollendung des her- vorragendsten architektonischen Kunstwerks, des Kölner Domes, interessirt zu haben. Keine geringe Mühe kostete es, galt es doch, den immer noch im einseitigen Kultas des klassischen Schönheitsideals Befangenen zu erwärmen für die deutsche Kunst des Mittelalters. Durch den Grafen Reinach, damals Resident in Kassel, Schwiegersochn von Reimarus, jenen Mann, der sich vom schlichten Bürger- liehen, durch die Wogen der französischen Revolution ge- tragen, bis zum Pair von Frankreich emporarbeitete, wurde die Bekanntschaft vermittelt. Goethe, anfangs kühl gegen die Werbungen des jungen Kunstenthusiasten, wurde von dem upverdrossen sich immer wieder an ihn Wendenden scchliesslich für seine Bestrebungen gewonnen. Damals, 1772 und 1774, in jenem Frühling der Literatur, konnte gegen philanthropische und kosmopolitische Ideale das Natio-


