39
Stilling ein höchst anschauliches Bild entwirft, wie Goethe um die grosse, ovalrunde, mit Erfrischungen wohlbesetzte Tafelrunde herumtanzt, über die um Lavater an einem Tisch sich scharenden Christen verschiedener Art und Farbe könig- lich sich ergötzend und mit grossem hellem Blick die Ver- wunderten, ihn für toll Haltenden niederschiessend. Auf der Rückreise fanden dann die Aussprachen im Jabach'schen Hause und im Gasthof zum Geist in Köln, sowie in der Laube des Schlossgartens zu Bensberg statt, wo in hoch- gehenden Wogen die von Werdelust geschwellten Herzen überströmten und im Namen Spinoza sich fanden. Wenn die beiden Männer auch auf die Dauer nicht zu harmonieren vermochten, so darf doch die Anregung, die ihr Enthusias- mus ihnen gegenseitig gewährte, nicht unterschätzt werden. Der Oberrhein und der Niederrhein, dessen Gegensatzlich- keit sich in manchen Spitzen geltend gemacht hatte, feierte in ihnen seine Versöhnung und tiefgehende Berührung. Gegen Mitte August war Goethe dann wieder zu Hause. Die erste dieser vorweimarischen Rheinreisen fällt also in die Zeit, wo die in Wetzlar empfangenen Eindrücke noch mächtig durcheinandergährten; die zweite, aus dem Stegreif von Frankfurt aus unternommene, gehört der Zeit an, wo diese Eindrücke sich anschickten, zu dem Büchlein Werther (vielleient nach einem gefühlsseligen Dichter Werthes aus Jacobis Kreis so genannt, von dem Betty Goethe gegenüber gesprochen haben kann) zusammenzuschiessen: denn der Werther ist im Jahr 1772 erlebt, aber 1774 geschrieben, so dass mittlerweile die in Wirklichkeit blauen Augen von Charlotte Buff sich in die schwarzen der Romanlotte, die sie Maximiliane von la Rache und wohl auch Betty Jacobi verdankt, wandeln konnten, und der im Innersten erschütterte Jüngling von 23 Jahren mittlerweile die Ruhe des objektiv schildernden Schriftstellers gefunden haben konnte.


