Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
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muß dieſe Anforderung um ſo mehr innere Berechtigung haben, da ſie in weit höherem Grade, als die lateiniſche, gleichſam mit elektromagnetiſcher Naturkraft ihre Anziehung des deutſchen Elementes bewährt. Iſt aber jene Anſicht die richtige, und ich wüſſte nicht, wie man nach zugeſtandenen Prämiſſen ihr entrinnen könnte, ſo möchte eine neue Würdigung der griechiſchen Autoren für den Schulgebrauch damit indicirt ſein, und wenn ich nicht irre, werden ihre Reſultate ungefähr dahin ausfallen, daß Homer, Herodot, die Tragiker, theilweiſe ſelbſt Ariſtophanes eben ſo viel dadurch gewinnen, als Thucydides, Xenophon, Platon und Demoſthenes ver⸗ lieren dürften. Von Thucydides werden einige Stücke der Einleitung, einige Muſter der politiſchen Beredſamkeit, die Schilderung der atheniſchen Peſt und des ſiciliſchen Feldzugs wohl immer das ihnen gebührende Recht behaupten, eine für ein Semeſter ausreichende lehrreiche Lectüre zu bilden. Aber das Uebrige, ſelbſt das in Jacobs Attika Aufgenommene, iſt für die Jugend öde an Geiſt und Gemüth, poeſielos und von atheiſtiſcher Kälte durchſchauert, dabei durch Maſſenhaftigkeit kleinlicher Details erdrückend. Dennoch liegt in Thucydides eine innere Gediegenheit, die ſelbſt den entſchiedenſten Widerſachern Reſpect einflößt und ſie mit einer Ahnung von dem hier gebotenen Veſitzthum für immer erfüllt. Aber es fehlt nicht an griechiſchen Autoren, von denen noch das Wort des Dichters gilt:

Dixeris haec inter varicosos Centuriones,

Continuo crassum ridet Fulfennius*) ingens

Et centum Graecos curto centusse licetur.

Haben nicht einmal die vier Elemente des Empedokles vor dem Revolutions⸗ tribunal der neueren Chemie ihre durch das hiſtcriſche Recht geſicherte Stellung neben den chriſtlichen Glaubensartikeln in unſern Volksbüchern behaupten können, ſo bleibt auch uns nichts übrig, als den Wahnglauben abzuwerfen, ſelbſt wenn er durch ein mehr als 2000jähriges Alter geheiligt wäre. Das geſammte Alterthum hat Xenophons ſchmuckloſe Anmuth und ſüße Lieblichkeit gerühmt, aber in deutſcher Sprache iſt noch immer der Honig ſeiner Rede zu Waſſer geworden. Es kann an dem Xenophon viel Nützliches für Grammatik gelernt und eingeübt werden, aber darüber dürfen wir uns nicht täuſchen, daß er Begeiſterung für das Griechenthum zu erwecken nicht mehr geeignet iſt, daß er unter den Gebildeten außer der Schule für einen geiſtloſen Autor gilt, und daß in ſeinen Schriften nur wenige Stellen (zumal wenn Herakles am Scheidewege dem Prodikos zugeſprochen wird) ſich finden, die ſich zur Widerlegung dieſes Urtheils gebrauchen laſſen. Die Götterbilder ſeiner

*) Heinrich hat zu dieſer Stelle Pers. 5, 190 bemerkt, daß dieſer edle Fulfennins eigentlich ein Deutſcher, Namens Wulfen geweſen ſei, vielleicht der Ahnherr jener Hellenomaſti⸗ gen, die vor einigen Jahren ein in Gotha erſcheinendes Blatt zum Organ ihres Syſtems gemacht hatten. Sie waren wenigſtens ehrlich genug, den Platon und die alten Autoren zur Zielſcheibe ihrer ſtumpfen Pfeile zu machen, anderwärts müſſen es die Gymnaſien und Gymnaſiallehrer insgeſammt entgelten, wenn die ihnen auferlegten Autoren nicht in

jeder Hinſicht paſſend ſind..

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