Urtheil aus Ueberſetzungen, nicht aus dem Original geſchöpft hätten, ſo kann ich ſelbſt auf die Gefahr hin, mit zu dieſen gerechnet zu werden,(meine Platoniſche Preisſchrift gehört einer Ogygiſchen Vergangenheit von 33 Jahren und kann auf der Höhe des heutigen Zeitbewuſſtſeins nicht uiehr Platoniſche Originalſtudien be⸗ weiſen) jenen Geſichtspunkt, den ich für Philologie und Literatur als den richtigen anerkenne, für die pädagogiſche Praxis nicht unbedingt gelten laſſen. Seitdem wir Lateiniſch und Griechiſch, was nach Ruhnkenius wie Leib und Seele zuſammenhängt, gewaltſam auseinander geriſſen und wohl oder übel die lateiniſche Interpretation und Ueberſetzung durch die deutſche verdrängt,*) ſeitdem wir zugeſtanden haben, daß die Lectüre der Autoren deren Form nur ſo weit beachten ſolle, als dies noth⸗ wendig ſei, um durch ſie zum Verſtändniß und zur Würdigung des Inhalts vorzu⸗ dringen, ſeitdem iſt zu fürchten, daß in der Schullectüre der griechiſchen Proſa(in der Poeſit behält allerdings die Form des Originals einen überwiegenden Einfluß) anf die Dauer nur das ſich behaupten werde, was auch in deutſcher Sprache durch das Ohr, in deutſcher Schrift durch das Auge zu Geiſt und Herz der Menſchen durchzudringen, und was demnach einigen Anſpruch auf Erlangung des deutſchen Bürgerrechtes zu begründen vermag. Haben wir einmal zugegeben, daß die deutſche Sprache der rothe Faden ſein ſolle, welcher die Perlenſchnur alles Wiſſens und Könnens durchzieht, daß nur in dem Lebensäther der Mutterſprache athmen und gedeihen könne, was von allen Unterrichtsgegenſtänden als lebendige Bildung producirt wird, ſo können wir auch den daraus entſpringenden Conſequenzen nicht weiter Einhalt thun, ſondern müſſen unſere in der gelehrten Welt herkömmlichen Begriffe von der Verächtlichkeit deutſcher Ueberſetzung claſſiſcher Autoren einiger⸗ maßen einer Reform unterziehen, wir haben das Recht verloren, die Rückſicht darauf als eine ungehörige wegzuwerfen. Was Kalidas und Hariri, was die bibliſchen Bücher des alten und neuen Teſtaments in der lutheriſchen Ueberſetzung, was Homer und Shakeſpeare in deutſcher Sprache geworden ſind, das müſſen wenigſtens in verhältniſſmäßiger Annäherung die griechiſchen Leſeſtücke der Schule durchgehends werden können, wenn die deutſche ſtatt der lateiniſchen Behandlung conſequent durch⸗ geführt werden ſoll, ohne entweder in den ſtatariſchen Schneckengang zurückzufallen, oder zur Geringſchätzung des Textes und Inhalts und ſomit der claſſiſchen Bil⸗ dungsweiſe überhaupt zu verleiten. Gerade für die griechiſche Sprache und Literatur
*) Ich meinerſeits bin hierin dem Fortſchritte der Zeit nur zögernd und ungern gefolgt, weil ich bei vielen Autoren die deutſche Ueberſetzung, wenn ſie richtig und einigermaßen hörbar und lesbar herauskommen ſoll, für ſchwieriger als die lateiniſche, die völlige Weglaſſung aller Ueberſetzung aber nur bei einer interpretirenden Paraphraſe für thunlich halte, die bei manchen Dichtern wohl angewendet iſt, aber mehr Zeit koſtet und curſoriſche Lectüre ausſchließt. Daß man es dahin bringen könne, die griechiſchen Autoren ohne alle Ver⸗ mittelung von Ueberſetzung oder Umſchreibung gleich in der Urſprache auffaſſen zu laſſen und hierdurch eine cur riſthe Lectüre derſelben zu begründen, für welche demnach in der Hauptſache ein richtig betonendes Vorleſen des Textes ausreichend wäre, dies muß ich im Allgemeinen und bei der bisherigen Stellung des Griechiſchen für unmöglich halten.


